224
so gerieten wir nochmals aneinander. Der Gegner maßte zurück. So war es etwa 10 Uhr abends geworden, als von unserm Major Meister der Befehl kam, das Gefecht abzubrechen. Leise, vorsichtig zogen wir uns zurück. Der Gegner hatte es bemerkt und versuchte nachzudringen. Er wurde aber abgewiesen. Bei dieser ganzen Geschichte waren wir nun aber ein bißchen sehr durcheinander und weit auseinander gekommen, und „Viktoria!" schallte nun unser Erkennungsruf durch die Nacht. Schließlich hatte sich wieder alles gesammelt, und wir setzten unsern Marsch in Schützenlinie auf die Anhöhe zu, auf der sich die Kolonne sammeln sollte, fort. „Na, Schnehage, wird denn der Kral wohl schon leer sein?" fragt mich ein Kamerad. „Ach," erwidere ich sorglos, „was soll denn da wohl noch drin stecken, die Artillerie hat ja hineingefunkt!" So gehe ich auf kaum 30 Meter an der Stellung vorüber, da singen und surren uns auch schon die blauen Bohnen über die Kopfe. Ich springe zwei Schritte vor, um besser sehen zu können, da — ein Aufstöhnen — ich schlage hin; das Gewehr entfällt meiner Hand. Die nun folgenden Minuten gehören zu den schrecklichsten, die ich durchlebt. Ich hatte die Besinnung nicht verloren und höre die kaum 30 Meter entfernten grausamen Feinde schwadronieren und spektakeln und erwarte, sie jede Sekunde bei mir auftauchen zu sehen. Der Zug entfernte sich immer weiter, da er sich auf das Geschieße nicht einließ. Tausend Gedanken durchkreuzten mein Hirn, bewegen konnte ich kein Glied. Fiel ich dem Feind lebend in die Hände, so hatte ich keinen Revolver, kein Gift bei mir, um mich zu töten, sondern mußte mich totschlagen lassen wie ein Hund. So lag ich und grübelte. Endlich, nach einer Ewigkeit, wie mich dünkte — nach 10 bis 15 Minuten, wie mir später gesagt wurde —, hörte ich jemand kommen. Wer, was, wußte ich nicht. Ich konnte leise rufen, und Gott sei Dank, es waren Kameraden, die mich an Armen und Beinen packten und im Trabe unter erneutem heftigen Schießen deS Feindes aus dessen gefährlicher Nähe brachten. Nach einer halben Stunde kamen wir bei der Kolonne an. Die Toten und die Verwundeten wurden in der Mitte bei der bespannten Artillerie niedergelegt; auch die Haudpferde standen dort gesattelt. Die Reiter bildeten eine weite Schützenlinie um das Ganze. Posten waren ausgestellt. Und nun brach ein Unwetter los, das jeder Beschreibung spottet. Ich habe manches Wetter in den Tropen erlebt, aber etwas Derartiges nie. Der Regen rauschte wie mit Eimern gegossen, so daß wir bald vollständig im Wasser lagen, dazu entluden sich mehrere Gewitter mit furchtbarer Gewalt, daß die Erde bei den Schlägen bebte, als wäre ein Erdbeben. In das Rauschen des Regens und das Krachen des Donners mischte sich das Gestöhn und Geschrei der delirierenden Verwundeten, das Anrufen und Schießen der Posten, und diese entsetzliche Szene wurde erleuchtet von fortwährenden grellen Blitzen. Eine furchtbare Nacht, die wohl jeder, der sie mitmachte, im Leben nicht vergessen wird. So vollzog sich für die Kolonne Meister die Jahreswende, während im deutschen Vaterlande die Silvesterglocken läuteten und in überschäumender Freude das neue Jahr begrüßt wurde. Aber auch diese schrecklichen Stunden vergingen wie so viele andere und tauchten unter ins Meer der Vergangenheit, und als am nächsten Morgen die Sonne aufging, erstrahlte der Himmel im reinsten Blau, und neue Wärme durchrieselte uns. In die ermüdeten Kämpfer kehrte neuer Mut; sie begrüßten und gratulierten sich zur Feier des Tages und wünschten sich ein gesegnetes Jahr. Auch wir Verwundeten einpflügen mit schmerzverzogcneu Gesichtern die Glückwünsche unserer Offiziere und Kameraden, von denen mich viele nicht erkannten, so hatte mich die eine Nacht verändert. Durch vorgeschickte Patrouillen war indessen festgestellt worden, daß der Feind während der Nacht in südlicher Richtung den Au ob abwärts gezogen sei. Die erste unS entgegentretende Abteilung war dem Befehl gemäß also zurückgedrängt; wie das aber weiter werden sollte, wußte niemand; nur das wußte jeder, daß Hendrik es uns unmöglich machen würde, am 5. Januar bei Gochas zu stehen.
K. Schnehage,
ehern. Sergeant 4. Komp. 2. Fcldregts. der Kaiser!. Schutztruppe f. D.-Südwestafrika, z. Zt. Berlin.