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II.
Zwölf Stunden ohne Deckung.
Von vorn, von rechts Feuer aus völliger Deckung von den felsigen Höhen, von links Feuer aus dem dichten Gebüsch der englischen Oranjeinseln, und wir — konnten keinen Schuß anbringen; denn wir sahen nichts!
Natürlich sofort Entwicklung der Schützen der 2. und 9. Kompagnie auf den schmalen Dünenwellen da unten. Die rückwärtigen Kompagnien machten Front gegen des Feindes linken Flügel. Der Führer, Hauptmann d'Arrest, siel schon bei Beginn des Kampfes in den Dünen. Der Feind war offenbar bedeutend überlegen und lag in Etagen übereinander eingenistet. Unsere Entwicklung geschah in glänzender Ordnung, aber unser Feuer blieb wirkungslos. Wir waren fast ohne Deckung; wer den Kopf hob, wurde zusammengeschossen. Die Feinde im Rücken (auf den Inseln) wurden durch die Ersatzkompagnie und das Maschinengewehr (Leutnant Degen- kolb) endlich zum Schweigen gebracht. Einen Mann aber nach dem anderen von unserer Kompagnie sah ich zusammenbrechen. Unser Dr. Althans siel in Ausübung seines Berufes. Vizefeldwebel Birkholz, Unteroffiziere Schulze, Stoewer, Gefreiter Müller und viele andere noch sah ich den Heldentod sterben, und viele von der Kompagnie wanden sich — verwundet — in Schmerzen. Ich sah noch den Unteroffizier Hoene, den Painczyk und Pooch und Kartheuser und Schönbaum und Zimmermann, und doch konnte ich nur einen Teil überblicken von der Kompagnie. Etwas mehr Hoffnung kam uns, als au des Feindes linkem Flügel zurückgewichen wurde und die Batterie Barack dort wirksame Stellung nahm.
Während wir so im heißen Feuerkampfe lagen, jeden Augenblick das tödliche Geschoß erwartend, hatte Oberstleutnant van Semmern sehnlichst, aber vergebens, das Eintreffen der Abteilung Siebert erwartet. Sie sollte am 22. Oktober Hartebeestmund erreichen, mußte also doch heute am 24. Oktober nahe sein. Auch wir in der Schützenlinie riefen uns zu: „Wann kommen endlich die anderen?" — „Wo bleibt die Abteilung Siebert?"
Aber unser Hoffen blieb unerfüllt. Es wurde Abend. Da bemerkten wir Bewegung in der feindlichen Stellung. Die Hottentotten rückten vor — hielten uns wohl für völlig erschöpft und glaubten, uns nun vernichten zu können. Aber neues Leben kam sofort in unsere Schützenlinien. Wir ließen sie vorkommen, dann aber gab's ein vernichtendes Feuer, und die Gelben bezahlten ihr Vorgehen mit zahlreichen Verlusten.
Es wurde völlig Abend. Sollten wir über Nacht nicht völlig von der Übermacht eingekreist werden, mußten wir heraus aus dem Kessel. Das Feuer hörte auf — es wurde still — Grabesstille. Hauptmann von Koppy führte sein Detachement aus die Höhe zurück. Als unsere Kompagnie die Verwundeten sammelte, um auch sie zurückzubringen, wurden wir noch einmal beschossen, dann aber kam die Nacht. Todmüde — ja — aber-wer ver
stände nicht, wie uns um die Seele war? Von unserem schwachen Detachement fehlten doch 6 Offiziere und 47 Mann!
Früh am Morgen des 25. Oktober versuchte der Feind einen Angriff, wurde aber kräftig zurückgewiesen und zog dann nach Westen ab. Wir marschierten auf Warmbad, um zu neuer Arbeit Munition und Proviant zu holen. Zuvor aber wurden die Verwundeten über den Oranje in englischen Schutz, nach Pella, zu den katholischen Missionaren gebracht, wo sie aufopfernde Pflege fanden. Das für uns so unglückliche Ausbleiben der Abteilung Siebert war durch ungeheure Terrainschwierigkeiten und falsche Wegführung veranlaßt. Aber auch am 24. Oktober traf es zu:
„Erst in schwierigen Lagen lernt der Soldat seine Führer kennen und schätzen!"
Moritz Bruno Salomon,
Reiter der Kaiser!. Schutztruppe f. D.-Südwestafrika.