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jedoch keine 40 Minuten, da hörten wir den ersten Kanonenschuß. Wie elektrisiert das doch, zumal wenn man dem Kampfplätze so nahe sitzt wie wir! Bald sahen wir einige tausend Meter nach links hinüber die Geschosse in der Luft zerspringen. Sofort ließ ich eine Patrouille unter Leutnant von Gilsa satteln, und sie sprengte auf das Gefechtsfeld, um die Erlaubnis zum Eingreifen zu holen. Leider kam der Bescheid zurück: „Wasserstelle Haruchas weiter besetzt halten." Das hinderte mich aber nicht, alle Vorbereitungen zum sofortigen Abmärsche zu treffen. Es dauerte auch nicht lange, da kam der Ordonnanzoffizier des Obersten Deimling mit dem Befehl, schnellstens vorzufahren; die Situation sei sehr ernst.
Um 4,15 Uhr nachmittags marschierten wir ab. Beim Näherkommen erhielten wir schon ein flankierendes Feuer, obgleich der Anmarsch durch die davorliegende Düne gedeckt war. Während die Batterie Heranfuhr, suchte ich mir eine Stellung aus. Einen sehr ermutigenden
Eindruck machte das Ganze nicht. Mehrmals wurden Verwundete an mir vorüber nach deni Verbandplätze getragen, der gleich hinter der Düne, durch Karren notdürftig geschützt, errichtet war. Eben waren zwei Mann in der Schützenlinie verwundet worden, in der aufzufahren ich mich entschlossen hatte.
Inzwischen war das besser bespannte erste Geschütz eingetroffen; den letzten Teil des Weges bis auf den Kamm der Höhe mußte es unter Mithilfe der nebenliegenden Schützen beim heftigsten Pfeifen der Kugeln geschoben werden — in dem tiefen Sande ein schweres Stück Arbeit! Ich ließ auf der etwa zehn Meter hohen steilen Sanddüne gedeckt abprotzen. Kurz darauf konnte auch das zweite Geschütz sein Machtwort ertönen lassen. Wie unangenehm dies den braunen Kerlen in die Ohren klang, ging aus dem geradezu wahnsinnigen Feuer hervor, mit dem wir nun überschüttet wurden. Alles nahm uns zum Ziel: leider boten wir ihnen, frei auf der Höhe stehend, ein nur allzu günstiges!
Rechts und links, vor und hinter uns spritzte der Sand auf; dann sauste es einmal in die Geschoßkörbe, die am Geschütze standen; dann wieder splitterte eine Speiche, und ein Treiber schrie, daß ein Zugtier getroffen sei.
Wir standen kaum zehn Minuten, als Leutnant von Gilsa mir vom zweiten Geschütz her zurief: „Ich bitte um Ersatz, zwei Mann gefallen!" Ich lief an der Schützenlinie entlang und erwischte glücklich zwei ehemalige Artilleristen, die ich schleunigst an das Geschütz beorderte; denn der Rest meiner Bedienung bestand nur aus Infanteristen und Kavalleristen. Dann lief ich zum zweiten Geschütz, wo es allerdings traurig aussah: das Geschütz selbst war von mehr als einem Dutzend Schüssen getroffen und angesplittert; zwei Mann lagen schwer verwundet in ihrem Blute da, und der eine von ihnen starb schon nach wenigen Minuten.
So exponiert wir standen, so wenig Wirkung hatten wir gegen die im toten Winkel sitzenden feindlichen Schützen. Wenn wir Erfolg haben wollten, mußten wir den ganzen Hang der dem Feinde zugekehrten Dünenseite hinunter und dann noch vorgehen — alles im stärksten
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Skizze des Gefechts bei Gochas, 5. Januar 1905.