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Marinewesen : (Gruppe XVII, Section 1 bis 4) ; Bericht / von Alexander Friedmann, Civiling. in Wien
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Marinewefen.

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I. B. Concurrenzfähigkeit verfchiedener Schiffstypen.

Was zunächft die Concurrenzfrage zwifchen Dampf- und Segelfchiffen anbelangt, fo ift gegenwärtig für den Perfonenverkehr das Dampffchiff faft ausfchliefslich in Verwendung. Diefs ift heute wohl felbftverftändlich, aber noch nicht feit fo langer Zeit entfchieden. Im Jahre 1853 z. B. wurde den Dampf­fchiffen der Poftdienft von England nach Auftralien abgenommen und den Segel­fchiffen übertragen, weil diefe pünktlicher und regelmäfsiger einliefen als die Dampfer.

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Freilich waren damals die Dampffchiffe noch unvollkommen, fie ver­brauchten relativ enorme Quantitäten von Brennftoff, waren dadurch gezwungen, während der Reife oft Station zu machen, um frifche Kohle einzufchiffen, fanden mitunter keine, weil die Kohlenzufuhr noch nicht gut organifirt war, und verloren viel Zeit, während gerade die Segelfchiffe durch die von den Amerikanern einge­führten Klipper und die damals zuerft erfolgte Anwendung wiffenfchaftlicher Principien auf ihre Formgebung und Ausrüftung fo vorgefchritten waren, dafs fie auf langen Fahrten bezüglich der Pünktlichkeit und fogar durchſchnittlichen Schnel­ligkeit mit den damaligen Dampfern erfolgreich concurriren konnten. Seither ift das Verhältnifs natürlich bedeutend geändert; die Gefchwindigkeit der Dampfer ift eine ungleich gröfsere und regelmässigere und das Einhalten der Fahrzeit ein viel beftimmteres.

Doch ift in Bezug auf Waarenverkehr die Entfcheidung zwifchen Segelfchiffen und Dampffchiffen noch bei Weitem nicht beftimmt, und gerade auf fehr langen Strecken, wo die Dampfer durch die Nothwendigkeit, Kohlen­vorrath für ganze Reifen an Bord zu nehmen, viel Laderaum verlieren, den Kohlen­verbrauch möglichft niedrig halten müffen und die Gefchwindigkeit nicht weit treiben können, find die Segelfchiffe im Vortheil, umfomehr, als die Fort­fchritte, welche in der Navigation gemacht wurden, den Segelfchiffen mehr zu Statten kommen als den Dampfern.

Die Segelfahrer haben jetzt ganz genaue Karten und Aufzeichnungen, durch welche fie die conftanten Winde, welche zu einer beftimmten Zeit in einer beftimmten Gegend nach einer beftimmten Richtung wehen, benutzen und ihren Curs demgemäfs einrichten können.

Wie weit die Vollkommenheit in diefer Beziehung gelangt ift, kann man jedes Jahr bei der Einbringung der neuen Thee- Ernte erkennen, um welche Zeit alljährlich ein bedeutender Preis für das Segelfchiff ausgefchrieben ift, welches den erften neuen Thee durch die rafchefte Fahrt nach England bringt. Die wett­fahrenden Segelfchiffe verlaffen alle an einem Tage gleichzeitig den chinefifchen Hafen, kommen meift nach Verlauf der erften Nacht gegenfeitig aufser Sicht und laufen durchfchnittlich nach 82 Tagen mit folcher Regelmässigkeit an der Themfe­mündung ein, dafs gewöhnlich zwifchen dem Schiffe des erften und dem des zweiten Preifes ein Intervall von nur wenigen Stunden fich ergibt.

Das Rationellfte fcheint allerdings, dafs, fo gut alle Dampfer Hilfsfegel­Werk haben, um die günftigen Winde zu benützen, die Segelfchiffe kleine Aus­hilfsmafchinen haben, welche fie bei Windſtille, beim Einlaufen in die Häfen etc. in Anwendung bringen können, und deren Dampfkeffel ihnen auch beim Aus- und Einladen für die Krahne und fonftigen Vorrichtungen den Dampf liefern.

Wenn bei Windſtille ein Segelfchiff durch feine Aushilfsmafchine 5 bis 6 Seemeilen in der Stunde vorwärts gebracht wird, fo ift diefs vollkommen genügend, und biefür werden die Dimenfionen der Mafchine und der Kohlenräume fo klein, dafs deren Unterbringung keinerlei Schwierigkeiten bietet. würde ein Segel­fchiff von der Gröfse des fpäter befchriebenen Dampfers Pollux" von 4000