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Rudolf Weinwurm.
Einführung in den dreiftimmigen Gefang für zwei Soprane und ein Alt. In Schulen mit mehr als fechs Claffen kann der Gefang für gemifchten Chor eintreten. Die Bäffe haben fich alsdann in fehr mäfsigem Tonumfange zu ergehen.
Das Auswendigfingen ift vorzugsweife auf einftimmige Choräle und Lieder, weniger auf drei- und vierftimmige Tonfätze anzuwenden."
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Diefe Methode ift offenbar im Hinblicke auf ein ganz beftimmtes Werk- vielleicht das weiter unten angeführte, allerdings beachtenswerthe von Kotzolt- vorgefchrieben worden. Ob eine Entfcheidung in Fragen künftlerifchen Inhalts Sache des Gefetzes fei, möge dahingeftellt bleiben. Der Referent möchte behaupten, dafs es unter allen Umftänden gerathen fei, Spielraum zu laffen zur Auswahl unter mehreren guten Unterrichtswerken, welche die Regierungen durch geeig. nete Fachmänner in Evidenz zu bringen und zu halten hätten. Durch eine Vorfchrift, wie die vorftehende, find alle anders gearteten Unterrichtswerke von der Benützung von vorneherein ausgefchloffen, mögen fie auch noch fo viele innere Vorzüge befitzen. Der immenfe Reichthum Deutſchlands an derartigen Werken ift bekannt; fie bildeten und bilden noch immer die, Grundlage für ähnliche Leiftungen faft in der ganzen übrigen Welt; nicht minder bekannt ift, dafs etwa zwei Dritttheile derfelben in das Gebiet der Dutzendwaaren zu rechnen find, ohne künftlerifchen Beruf, ohne pädagogifchen Ernft abgefafst, Producte gewinnfüchti ger Speculation oder leidiger Eitelkeit. Immerhin reftirt eine anfehnliche Anzahl von Werken, welche die angeführte Methode nicht befolgen und dennoch vortreff lich find. Sie enthält zwar manches Gute, z. B. die Beftimmungen über die Stärkegrade, in welchen gefungen werden foll, im Ganzen aber erfcheint fie dem Referenten als ungenau, unvollständig und die Luft an der herrlichen Kunft eher hemmend als befördernd. Jeder Fachmann wird um nur Einiges zur Begründung unferer Meinung anzuführen- z. B. wiffen, dafs bei einer grofsen Zahl der SopranKinderftimmen die höheren Töne f, g u. f. w.( die fogenannte Kopfftimme) oft ganz klar und deutlich anfprechen und mufikalifch verwendbar find, während die darunter liegenden oberen Töne des Bruftregifters h, c, d noch gar nicht oder nur unvollkommen vernehmbar find. Eine künftlerifche Methode wird nun darauf ausgehen, vorerft jene oberen Töne nicht brach liegen zu laffen und ferner die Stimme von jenen aus nach abwärts zu entwickeln, um die Verbindung mit dem Bruftregifter nach und nach zu gewinnen. Vergleiche man nun hiemit die obenangeführ ten Vorfchriften für die fünfte Claffe:„ Der bisherige Tonumfang wird durch die Töne é und erweitert; die Stimm- und Treffübungen erftrecken fich auf die Töne von bis f." Man wird vielleicht einwenden, dafs es fich hier um die Stimmentwicklung im Maffenunterricht handle, nicht um die Stimmbildung im eigentlichen künftlerifchen Sinn. Dem wäre zu entgegnen, dafs der Maffenunterricht nicht darauf ausgehen darf, das Stimmmaterial zu ruiniren, dafs aber in unferem Falle das Gefetz den Ruin der Stimme geradezu herbeiführen würde. Kann man es ferner gerechtfertigt finden, dafs das Gefetz für die fechste und fünfte Claffe vorfchreibt: Als Tonzeichen dient die Ziffer"? Die Ziffer ift bekanntlich ein Sinnbild des. Zahlenbegriffes, nimmermehr ein Anfchauungsmittel des Tonbegriffes, für diefen bildet fie einen ungenügenden und nur ganz ausnahmsweife zuläffigen Nothbehelf, für ihn ift die Note und find die übrigen Zeichen der mufikalifchen Notation da, deren Aneignung man Kindern, welche die Mittelfchule befuchen und für diefe ift ja jenes Gefetz beftimmt wohl ohne Schwierigkeit zumuthen darf.
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Indem wir von weiteren Bedenken hinfichtlich diefer Methode abfehen, wenden wir uns den Verfügungen hinfichtlich des Mufikunterrichts an preufsifchen Schullehrer- Seminarien zu. Diefe find in vielen Beziehungen muftergiltig. Zum Verſtändnifs derfelben mufs hier vorausgefchickt werden, dafs fchon die Auf nahme in ein preufsifches Seminar in der Regel auch an den Nachweis der Leiftun gen in der Mufik gebunden ift, und zwar im Gefange, Clavierfpiele, Violinfpiele,