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Deutsche Reiter in Südwest : Selbsterlebnisse aus den Kämpfen in Deutsch-Südwestafrika ; nach persönlichen Berichten / bearbeitet von Friedrich Freiherr von Dincklage-Campe
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Zum letzten Male Stationsältester.

13. Februar 1905.

Wie oft habe ich, wenn ich in Frankfurt bei den Betriebsübungen meiner Kompagnie Stationsältester" spielte, mir vorzustellen versucht, wie es wohl im Kriege auf einer Feldtele­graphenstation aussehen mag! Jetzt wußte ich es. Wieder einmal war ich Stationsältester, aber im Kriege, weit draußen in Afrika. Nicht Übungstelegramme, wie bei den Übungen daheim, gingen durch unsern Apparat hindurch, sondern es war bitterer Ernst. Unsere Linie war ja die einzige Verbindung zwischen dem Hauptquartier und dem Oberst Deimling, der jetzt gerade seine Schläge gegen die Witboois führte. Da gab es auf der Station Geitsabis zu tun. Tag und Nacht liefen Meldungen und Befehle durch den Draht; ich glaube, es war für das Hauptquartier sehr wichtig, daß seit wenigen Tagen unser Kabel bis Gibeon führte.

Einsam aber war es in Geitsabis. Von einer kleinen Anhöhe blickte das Stations­zelt hinaus auf die wilde, afrikanische Landschaft; Felsen und niedriger Busch, das war alles, was das Auge sah. Natürlich hatten wir Nachbarn, aber die ließen bei Tage nichts von sich hören. Erst wenn es dunkel wurde, dann machten sie sich aus, und rings um uns hörten wir die heiseren Laute der Hyänen und Schakale. Noch weniger gefielen uns andere Besucher, die sich allerdings auch in achtungsvoller Ferne hielten. Mehr wie einmal bemerkten wir ruppige Gestalten mit gelben Gesichtern, die jedesmal schleunigst im Felsgewirr verschwanden. Ich wußte, daß sie wiederkommen würden, und sah dem Besuch in Ruhe entgegen. Wir hatten ja unsere Karabiner, wir hatten uns auch dicht beim Zelt aus Steinen eine Schanze gebaut, an der sich die Herren die Zähne ausbeißen sollten, und unvor­bereitet sollten sie uns nicht finden.

So vergingen die Tage, einer wie der andere. Die erste größere Abwechslung war die, daß unsere Leitung nach Gibeon nicht mehr funk­tionierte; ob daran die Feinde schuld hatten oder die Unwetter der Regenzeit, wir wußten es nicht.

Ich mußte aber zwei Reiter von meinem kleinen Häuflein zur Signalstation Falkenhorst entsenden, um die eingegangenen Telegramme auf diese Weise vorwärts zu bringen. Nun waren wir nur noch sechs Gewehre stark. Ich weiß es noch, als wäre es erst gestern gewesen: Nach dem Abreiten der beiden saß ich auf der Deichsel unseres Wagens und nähte die Knöpfe der Reithose fest, und dabei schweiften die Gedanken in die Ferne. Ich dachte an meine Heimat, den Spreewald, und es wurde mir wunderbar ums Herz; ich glaubte, ganz leise Glockenklänge zu hören, und sah sie alle, die ich zu Hause gelassen hatte, mit ernsten, friedlichen Gesichtern zur Kirche gehen.

Es war ja Sonntag! Und dann erhob ich die Augen und fand mich wieder rings von der fremden, afrikanischen Landschaft umgeben. Ob ich je die Heimat wiedersehen würde? Es sollte früher

sein, als ich ahnte. Unteroffizier O. Müll».

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