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waren auf frischer Spur, und während mehrere Patrouillen in dem furchtbar zerklüfteten, unübersichtlichen Gelände weiter vorgesandt wurden, direkte Fühlung mit dem Feinde zu suchen, sattelte das Detachement in einem Talkessel ab, um abzukochen. Es war 10 Uhr vormittags; unser letztes Wasser kam in das Kochgeschirr, um mit einigen Handvoll Reis die tagtägliche Mittagskost zu liefern. Doch wir kamen nicht dazu, unseren Hunger zu stillen. Gegen 11 Uhr vormittags fielen mehrere Schüsse im Vorgeläude. Da durfte nicht auf lange Detachementsbefehle gewartet werden; mein Kompagnieführer rief: „Patronengurt um, Gewehr in die Hand, mir nach, der Patrouille zu Hilfe!" In wenigen Augenblicken waren wir fertig, ein wehmütiger Blick noch nach dem dicken Reis im Kochgeschirr und nach der leeren Feldflasche, dann ging es in die Mittagssonnenglut in breiter Schützenlinie vorwärts. Wir waren ungefähr 15 Minuten in den Klippen vorwärtsgestolpert, als uns drei Mann der angeschossenen Patrouille entgegenkamen. Ihrer Meldung nach waren sie, wie fast immer der Fall, bis auf wenige Schritte au den Feind herangekommen und dann Plötzlich angeschossen worden. Während drei Mann unter Preisgabe der Reittiere in Deckung zurücksprangen, fiel Reiter Held, wahrscheinlich verwundet, in die Hände der Hottentotten. Ich war mit Gefreiten Thiele, Knoff, Reiter Rahm und Mohnsam sehr weit vorgeprellt und von der Kompagnie abgekommen; ich beschloß, da meine Leute alle einverstanden waren, wenn möglich, den Reiter Held zu retten und die Reittiere zurückzuholen. Reiter Kreißig von der Patrouille erbot sich, uns den Weg zu zeigen, während die anderen zwei Mann die Meldung zurückbrachten. Wir kletterten vorsichtig vorwärts, als von weit hinten der Ruf erscholl: „Alles zurückgehen, Sammeln!" So kurz vorm Ziele wollte ich nicht umkehren und ging noch etwa 100 in vor. Nach dem Überklettern einer kleinen Höhe bemerkten wir in einer Schlucht zwei Reittiere, ruhig an den Sträuchern knappernd. Gleichzeitig sah ich aber auch, daß etwa fünf Hottentotten ebenfalls die Absicht hatten, sich der willkommenen Beute zu bemächtigen. Von dem vermißten Reiter Held war nichts zu sehen. Ich ließ halten und schußfertig machen. Der Feind hatte uns scheinbar nicht bemerkt und war fast an die Tiere heran. Nun ließ ich feuern; zwei Schwarze überschlugen sich, die anderen sprangen zurück.
Jetzt ein flotter Sprung unsererseits; die Tiere waren unser. Gefreiten Thiele und Knoff schwangen sich in die Sättel und galoppierten, so gut es ging, zurück. In diesem Augenblicke wurden wir aber vom jenseitigen Höhenrande mit einem wahren Geschoßhagel überschüttet. Wie der Blitz lagen wir in Deckung, und ich überlegte, wie wir uns am besten aus dieser schwierigen Lage befreien könnten. Ich mußte, da ich zu schwach war, weitere Versuche, den vermißten Reiter vor dem Schlimmsten zu bewahren, aufgeben und befahl: „Einzeln zurückspringen". Recht sonderbare Gedanken stiegen in einem auf, als man sah, daß jeder Zurückspringende als Zielscheibe benutzt wurde; man dachte wieder einmal au seinen Herrgott, und ich weiß nicht, wie oft ich Gott in dieser schweren Stunde anrief, uns zu schützen. Ich fürchtete vor allem für das Leben meiner drei braven Reiter, was sollte aus uns werden, wenn wir verwundet wurden? Ehe von hinten Hilfe zu erwarten war, wären wir längst abgeschnitten und auf die abscheulichste Art erledigt gewesen. Ich dachte schon: „Lieber eine Kugel durch und durch" und sprang nun als Letzter zurück, meinen Leuten nach. Die Geschosse pfiffen haarscharf vorüber; ab und zu klatschte mal so'n Bleiklumpen aus einer Pavianspautze (2 am kalibriger Vorderlader) an eine Klippe, aber ich kam glücklich raus aus dem Wurstkessel und fand bald meine drei Reiter, die auch wunderbarerweise unversehrt geblieben waren. Wir kletterten noch ein Stück zurück; der Feind gab nur noch einzelne Schüsse ab und verstummte endlich ganz. Reiter Mohnsam rief nun mit recht trockenem Humor: „Herr Wachtmeister, Cornelius wird wohl jetzt Nachexerzieren abhalten, weil uns die Schufte nicht getroffen Hain!" Trotzdem wir knapp dem Tode entronnen, mußten wir doch herzlich lachen. Daß der Feind nicht nachexerzierte, sollten wir bald empfinden.