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II.
Das rote Taschentuch!
Da wir uns ziemlich sicher glaubten, setzten wir uns nun hin, um endlich einmal ordentlich Luft zu schnappen. Uns klebte die Zunge am Gaumen, keiner hatte einen Tropfen Wasser, und dabei brannte die Mittagssonne unbarmherzig auf uns hernieder. Wir suchten vergeblich in dem heißen Steintrümmerfelde nach etwas Schatten. Der Feind war uns unterdessen unbemerkt gefolgt, und wir hatten kaum zehn Minuten geruht, als wir plötzlich von einer ungefähr 150 m entfernten Höhe starkes Feuer erhielten. Ich ließ sofort das Feuer aufnehmen, um ein weiteres Vorgehen des Feindes zu verhindern. Das Detachement hatte sich nun auch hinter uns entwickelt, und dessen linker Flügel, vor dem wir ungefähr 400 na lagen, schien unsere Bewegung bemerkt zu haben. Man hielt uns aber fälschlicherweise für den Feind und nahm uns stark unter Feuer. Wir lagen platt und rührten in diesem unheimlichen Kreuzfeuer kein Glied; wie konnten wir uns bloß aus dieser kritischen Lage befreien? Ich warf mich auf den Rücken und rief aus Leibeskräften: „Viktoria", aber man hörte meinen Ruf nicht, anstatt aller Antwort wurden wir durch Maschinengewehrgeschosse von einem Hagel Steinsplitter und Sand überschüttet. Jetzt war auf der ganzen Linie das Gefecht im Gange. Der Feind hatte uns in einen: 3 bin weiten Bogen umspannt, und ich lag auf 150 rn vor dem feindlichen rechten Flügel. Wir hörten ganz deutlich, wie die Hottentotten über uns lachten, da wir kaum mehr wußten, wie wir unS nach beiden Seiten decken sollten. Ich fürchtete, daß uns nun auch die Artillerie bald ihren Gruß senden würde, und ich mußte auf jeden Fall versuchen, den Unseren ein Zeichen zu geben, daß man uns nicht mehr als Feind ansah. Ich hatte so ein schönes, knallrotes Taschentuch. Das band ich an die Gewehrmündung und schwenkte diese Notflagge so hoch, als es meine Deckung nur irgend erlaubte. Erleichtert atmeten wir auf, das Feuer voir hinten wurde eingestellt, man hatte uns also endlich bemerkt. Der erste Schuß der Artillerie gab mir die Gewißheit, daß nun die richtige Stellung des Feindes erkannt war. Die größte Gefahr von hinten war nun vorüber, obwohl die Geschosse recht dicht über uns hinwegsausten und eine wenig liebliche Musik erzeugten. Nun galt es aber wieder im feindlichen Feuer zurückzuspringen; denn der Feind konnte uns immer noch sehr leicht abschneiden, und wir wußten, wie diese Bestien mit Toten und ' Verwundeten umgehen. Also noch mal Luft geschnappt, dann sprangen wir in Schützenlinie zurück.
ES war unser Glück, daß der Feind stark unter Feuer gehalten wurde und er daher sehr unsicher schoß. Nach mehreren anstrengenden Sprüngen langten wir endlich unversehrt beim Detachement an, und ich meldete mich bei meiner Kompagnie, die im Zentrum focht, zurück. Als man uns mit so heilen Knochen sah, wollte keiner glauben, daß wir da vorn so arg in der Klemme gesessen hatten. Wir lagen noch bis 6 Uhr abends im Gefecht und drängten
Vizewachtmeifter Täubrich.