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nur eine schmale Öffnung für das Auge und den Gewehrlauf lassen. Unserem ersten auffahrenden Geschütz war in kurzer Zeit die Bedienungsmannschaft zusammengeschossen, unser Führer Major von Kamptz fiel um 7 Uhr morgens durch einen Schulterschuß drei Schritt links von mir. Wir deckten uns mit den lose umherliegenden Felsstücken nun so gut ein, wie es ging, und nur vereinzelt gelang es, einen Schuß auf einen vorkriecheuden Kopf abzugeben. Der letzte entbehrliche Mann der Handpferde wurde eingesetzt. Inzwischen schickte Morenga — man hörte ihn laut hinter der feindlichen Schützenlinie seine Leute anfeuern und leiten — um unseren nach links detachierten Zug etwa 100 Mann zur Umgehung herum und rollte diesen Zug buchstäblich auf. Die Haltung unserer Leute war geradezu heldenhaft, sie verschossen ihre letzten Patronen, erst dann zogen sich die fünf einzig davongekommenen Reiter zurück, von 17 Mann fielen zwölf. Die Lage wurde kritisch. Sehnsüchtig suchte das Auge eine Staubwolke, die das Heranrücken der nahen Abteilung von Erckert verkünden sollte. Man mußte die Leute daran verhindern, auf die Klippenhäuser vorzuspringen, was bei unserer geringen Gefechtsstärke zum Verderben geführt hätte. Doch auch der Humor ging selbst in dieser Lage nicht aus. So hörte ich einige Schritte rechts von mir einen Mann frohlocken: „Da seh' ich solch dreckiges Gesicht!"
Gebirgsbatterie. auf Maultieren verlade».
Die Erlösung nahte. Um 1,30 Uhr nachmittags griffen die 100 Gewehre des Hauptmanns von Erckert auf dem linken Flügel ein, wir merkten an dem gegenüberliegenden Gegner ein Nachlassen, und gegen 3 Uhr kam unser Gefecht vorwärts. Bis in die Dunkelheit wurde der ablassende Feind gedrängt; um 6 Uhr waren wir im Besitz des ganzen Geländes um Narus und des größten Teiles der Viehherde, wenn auch einzelne nicht aufzufindende Hottentotten bis in die Nacht hinein schössen und noch mit Sonnenuntergang Leute verwundeten. Wie schwer uns der Tag geworden war, geht aus der Verlustliste hervor: von 87 Gewehren hatten wir 20 Tote, 30 Verwundete; also nur 37 waren heil geblieben, das bedeutet etwa 60°/g Verluste. Doch auch die Hottentotten hatten schwere Verluste, namentlich gegen Abend; Morenga war mürbe und hat sich erst im Oktober 1905 in einem ähnlich schweren Gefecht bei Hartebeestmund gestellt.
Im Oktober 1905 wurde mir die Heimreise nach Deutschland gestattet. Ich kehrte mit dem Bewußtsein zurück, daß wir, die wir diese bewegten Zeiten durchgemacht hatten, alle eins waren in dem Wunsch, noch einmal im Leben so ernste und doch so freudige Stunden zu erleben.
(Aus den Mitteilungen des Leutnants von Plehwe, z. Zt. 1. Leibhusaren-Regiment.)
Ich kann nur bedauern, daß ich den so übersichtlichen, klaren, sachlichen und höchst interessanten Bericht nicht ungekürzt bringen darf. Das geht leider des Raumes wegen nicht. Ich habe nur einige Episoden ausschreiben können. Aber mit Freuden habe auch ich alter Soldat die jugendfrischen Schilderungen des jungen, kampfesmutigen Kameraden gelesen und bedanke mich mit treuem Handdrücke.
Freiherr v. Dincklage, Generalleutnant z. D.