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und sogen begierig das Blut der Verwundeten ein. Viele konnten nur durch energisches Eingreifen von Kameraden am Selbstmord verhindert werden. Mehrere Offiziere wurden ohnmächtig zurückgeschafft, einer wurde tobsüchtig. Bei alledem steigerten sich die Verluste in unheimlicher Weise. Das Stöhnen und Schreien der Verwundeten, die teilweise fünf Schritt vor der eigenen Linie lagen und des heftigen Feuers wegen nicht zurückgeschafft werden konnten, war einfach entsetzlich.
Inzwischen war auch die Todesnachricht von Major Frecherm von Nauendorff und Leutnant von Vollard-Bockelberg eingetroffen, fünf andere Offiziere waren bereits verwundet. Die 7. Kompagnie hatte überhaupt keine Offiziere mehr, zwei von ihnen waren besinnungslos fortgeschafft worden.
Der linke Flügelzug der Batterie hatte nur noch einen einzigen Unteroffizier als Bedienung, die ganze Batterie pro Geschütz nur noch fünf Granaten und zwei Kartätschen. Da kam der Befehl, die Geschütze zurückzubringen oder unbrauchbar zu machen, da alles, was ein Gewehr noch tragen konnte, in die vorderste Linie sollte. Doch dazu war es zu spät. Die Hottentotten versuchten jetzt mit solcher Gewalt zu stürmen, daß die Infanterie zurückweichen mußte.
Die Witboois folgten und kamen auf dem linken Flügel bis auf etwa zehn Schritt an die Geschütze heran, die sie unter „Hurra!" nehmen wollten. In diesem kritischen Momente zog der Unteroffizier Köhler ab, und 24 Schwarze lagen, von der Kartätsche zerrissen, am Boden. Gleichzeitig war der am Tage vorher schwer verwundete Leutnant d. R. Semper, seiner Wunde nicht achtend, vorgestürmt mit den Worten: „Ich will bei meiner Kanone sterben!" Er kam gerade zur rechten Zeit, um das alleinstehende Geschütz abzuziehen. Der Angriff stockte, und die Hottentotten gingen zurück. Doch Leutnant Semper erhielt einen Schuß in den Oberschenkel, aus dem das Blut hoch herausspritzte, und war nach etwa einer Stunde eine Leiche. Noch im Sterben kommandierte er, dicht hinter dem Lafettenschwanz liegend, zu einem vom anderen Zuge heraugeeilteu Kanonier: „Mit Kartätschen geladen, Feuer!" Als der Mann nicht gleich abzog, weil das Geschütz beim Rücklauf den Offizier überfahren mußte, rief dieser: „Zum Donnerwetter, Kerl, ziehen Sie ab, ich bin doch gleich tot!" Zum Glück kamen in diesem Moment einige Leute, die den sterbenden Offizier zurückzogen und später die beiden Geschütze zu den Ochsenwageu brachten.
Auch auf dem rechten Flügel hatten unterdessen die Hottentotten gestürmt und die Infanterie, die auch von rückwärts beschossen wurde, zum Weichen gebracht. Eine Kompagnie war bereits durch die Geschützlinie hindurchgegangen, von einer anderen lagen rechts rückwärts nur noch etwa zehn Mann im Gefecht, als ich den Befehl erhielt, auch zurückzugehen. Bei dem rechten Flügelgeschütz, bei dem ich mich befand, waren nur noch drei Mann. Wir alle griffen jetzt in die Räder; doch innerhalb weniger Sekunden lagen zwei tot, der dritte schwer verwundet neben dem Geschütz. Ich warf mich sofort hin und konnte dem Befehlsüberbringer nur noch zurufen: „Zurück unmöglich!" Im nächsten Moment wurde mir ein von einem Geschoß getroffener Stein auf den Kopf geschleudert, der mir das Bewußtsein nahm. Als ich nach etwa einer Stunde erwachte, war ich mit meinem Geschütz und den beiden Toten allein. Der Verwundete war weggebracht worden, mich hatte man wohl als tot liegen lassen. Von der Infanterie sah ich nichts mehr, hörte nur aus der Richtung von den Ochsenwagen her heftiges Feuer. Meine Lage war nichts weniger als beneidenswert. Von Hottentotten umzingelt, von der eigenen Truppe verlassen, furchtbar leidend unter tropischer Sonne und glühenden spitzen Steinen, noch mehr aber unter dem fürchterlichen Durst, hatte ich ja nur noch die Aussicht, totgeschossen oder mit Kirris totgeschlagen zu werden. Als einzige Waffe hatte ich noch mein Bowiemesser bei mir, den Karabiner hatte ich vorher, da er glühend heiß war, unter einen Busch gelegt.