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WeihnachtsPredigt, wobei ein jeder Wohl an die liebe Heimat zurückdachte. Aber es sollte auch noch wieder anders kommen.
Am 31. Dezember rückten wir von Kalkfontein ab und trafen gegen Abend in Stamprietfontein ein. Aber auch diese Station war besetzt und mußte erst nach schwerem Ringen genommen werden. Unter wolkenbruchartigem Regen schlugen wir doch innerhalb vier Stunden den Feind aus seiner Stellung. Wegen der furchtbaren Dunkelheit mußten wir aber bis zum andern Morgen in der Gefechtsstellung liegen. Das war eine Silvesternacht, wie ich sie noch nie erlebt habe und auch hoffentlich nie wieder erleben werde. Am Neujahrsmorgen, nachdem wir unser Vieh getränkt hatten, ging es wieder weiter; wir kamen bis Witkrans, wo wir übernachteten. Am andern Morgen, nachdem uns unser Herr Major Meister mit den Worten aufmunterte: „Kameraden, ich denke, innerhalb einer Stunde haben wir die Wasserstelle Groß-Nabas erreicht", ging's wieder weiter. Aber kaum waren wir eine halbe Stunde geritten, da kam die Sache anders, wie wir gedacht hatten. Hier, in Groß-Nabas^), hatte sich die Hauptmacht der Hottentotten gesammelt unter Führung des Oberhäuptlings Hendrik Witbooi, und hatte sich dermaßen verschanzt, daß es uns erst sehr viel Blut gekostet hat, um sie zu vertreiben. 52 Stunden lagen wir dem erbitterten Feind gegenüber. Er war gar hartnäckig, aber der Durst war noch schlimmer. In Deutschland hört man öfter sagen: „Ach, was habe ich für Durst!" aber was Durst heißt, ich glaub', das hat da noch keiner erlebt. Wir haben es erlebt in Groß-Nabas. Ich habe noch gesagt, lieber acht Tage ohne jeden Bissen zu essen, wie drei Tage ohne Wasser, und dann noch in der glühenden afrikanischen Sonne. Unser Herr Major Freiherr von Nauendorff, der am ersten Tage schwer verwundet wurde, bat noch in seiner letzten Stunde um einen Schluck Wasser. „Zehntausend Mark", rief er, „für einen Schluck Wasser!" aber es konnte ihm nichts gereicht werden, es war nichts da! Vom Feinde hörten wir spöttisch uns zurufen: „Du, Dütsch- mann, du hast wohl banja Durst, hier is stief Water."
Ja, die Aufgabe, die wir dort zu lösen hatten, die war mehr wie menschlich, und doch haben wir den Feind, der sechsmal stärker war wie wir, nach drei Tagen aus dem Felsenneste zurückgeworfen. Obschon die Hälfte unserer Leute tot, verwundet und alle halb verdurstet waren, kannten wir doch kein Zurückgehen. „Siegen oder sterben!" So haben wir auch hier den Sieg davongetragen und den Feind zurückgeschlagen.
Die Zeit vom 26. Mai 1904 bis zum 30. Juni 1906 werde ich nie wieder vergessen, solange ich lebe. Es waren schwere und auch gute Tage. Als Belohnung erhielt ich das Militärehrenzeichen 2. Klasse, worüber ich mich sehr freue.
II.
Lidfontein, 29. November 1904.
Ich gehörte zur 7. Kompagnie 2. Feldregiments. Wegen Weidemangel hatten wir Hoachanas verlassen — ein Leutnant und ungefähr 15 Mann blieben dort zur Verteidigung gegen die Hottentotten zurück. Wir rückten nach Lidfontein, das ungefähr 25 Kilometer davon entfernt. Hier hatten wir reichlich Weide und Wasser für unsere Reit- und Zugtiere. Lidfontein bestand damals aus drei Farmen, und wir richteten uns hier zur Verteidigung ein, um nähere Befehle des Herrn Oberst Deimling abzuwarten. Unser Herr Hauptmann Grüner, damals noch Oberleutnant, ließ alle drei Farmen besetzen, und so kamen auf jede Farm ungefähr 24 Mann. Ich war bei dem Zuge des Vizefeldwebels Tamm, und wir hatten sozusagen die Farm zu einer Festung eingerichtet. Da auf einmal, es war am 28. November, meldete der Posten, der auf dem Dache der Farm stand, das Aufblitzen
0 Vgl. Gefechtsskizze, Heft 3, S. 76.