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ob Unteroffizier Bolduan auch tot sei. „Ja, es scheint so", sagte Reupke, „er liegt schon seit einer Viertelstunde im Anschlag und rührt sich nicht!" — Dieser war schon der dritte, der sein Leben ausgehaucht hatte, denn einer hatte den Gefreiten Kalus gleich bei den ersten Schüssen tot vom Pferde fallen sehen. Um 4 Uhr rief der Reiter Bader: „Reiter Hops ist auch schon tot!" Ich sagte noch zum Gefreiten Gooth: „Wenn wir uns bis zum Abend halten, kommen wir vielleicht mit dem Leben davon." — Die Sonne brannte immer noch heiß; ohne Schatten, ohne einen Schluck Wasser; Hunger machte sich auch bemerkbar, zwar hatte jeder eine Büchse Gulasch in seiner Packtasche, aber wer wollte sich der Gefahr aussetzen und sie Herauslangen? Hatten wir nicht schon genug Tote? Und war nicht jedes Gewehr von großem Nutzen für uns? Um 5 Uhr meldete Reiter Bader: „Reiter Bader beide Beine durchschossen!" Als ob er in Deutschland in der Schützenlinie, wo mit Platzpatronen geschossen wird, läge, so ruhig meldete er dies. — Trotz der ernsten Situation mußten wir alle lachen; auch die Hottentotten schienen laut aufzulachen, denn sie wußten, daß schon wieder einer kampfunfähig war. Unser Galgenhumor schien sich sogar zu steigern, denn bald darauf rief der Reiter Mshk laut: „Verdammte Schweinerei, haben die verdammten Schweine mir den ganzen Fuß und Schnürschuh kaputt geschossen!" dies hörte sich nun in seinem polnischen Dialekt ganz besonders komisch an, wieder mußten wir lachen — wir, die wir schon mittags mit dem Leben abgeschlossen hatten. Auch beten hörte ich einen! Unteroffizier Treuersch meinte fortwährend, wir müßten zum Sturm vorgehen; aber ich hatte gelernt, daß man einen Feind zuerst mit Feuer niederkämpfen mußte, und gab es nicht zu. — Die Sonne stand am Horizont, es fing an zu dämmern, nun wurde das Feuer des Feindes immer schwächer, und wie es dunkel war, hörte es fast ganz auf; auch wir schwiegen, es war ganz still, nur ab und zu krachte ein Schuß! Waren die Hottentotten fort? Plötzlich kamen mächtige Klippen angeflogen; hierfür boten aber selbst unsere Pferde keine Deckung mehr. Eine kurze Pause, und alles rechts und links von mir trat den Rückzug an, natürlich auf dem Bauche. Damit sich keiner verlor, sagte ich: „Nach der Mitte zusammenhalten!" So leise dies auch geschah, die Hottentotten hatten es doch bemerkt, und ein rasendes Schnellfeuer ließ uns halten.
III.
„Wo ist der Herr Leutnant?"'
Jetzt hörten wir auch hinter uns Leute, es war der andere Halbkreis, den wir den ganzen Tag nicht gesehen hatten. Das Feuer des Gegners verstummte bis zum ruhigen Einzelfeuer. Ich frug einen Mann des anderen Halbkreises, es war der Gefreite Rüdiger: „Wo ist der Herr Leutnant?" — „Der ist schon seit heute mittag fort, auch Herr Oberveterinär Fischer und die Burschen!" — „Auch Herr Unteroffizier Lupp ist mit einigen Leuten weg!" riefen andere. — Ich war wie vom Blitz getroffen, warum waren wir nicht mit zurückgegangen? Aber konnten wir denn? Wären wir denn nicht alle verloren gewesen? Sind nicht alle, die zurückkamen, unter unserem Schutz zurückgegangen? Aber jetzt hieß es handeln! Das ganze verantwortungsvolle Gefühl, das mich auf einmal überkam, ließ mich alle Gefahr vergessen. „Herr Unteroffizier," sagte dann Gefreiter Rüdiger zu mir, „das beste ist, wir bleiben hier während der Nacht liegen!" — Auch der Gefreite Gooth meinte dasselbe. „Gut, wir bleiben liegen", sagte ich, und da an dieser Stelle eine kleine Mulde war, ließ ich wieder einen kleinen, geschlossenen Kreis bilden und befahl noch, daß sich jeder so gut als möglich verschanzen solle. Ich zählte jetzt die kleine Streitmacht, wir waren noch 16 Gewehre; drei davon waren verwundet, aber sie klagten nicht. Ich kroch dann in der Stellung herum, um mich zu überzeugen, daß sich jeder eine gute Deckung gebaut hatte, die Stellung war aber so klein, daß ich immer über die Füße der Leute klettern mußte! — Auch ließ ich die Patronen ausgleichen; etwa neun hatte dann noch jeder.