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Deutsche Reiter in Südwest : Selbsterlebnisse aus den Kämpfen in Deutsch-Südwestafrika ; nach persönlichen Berichten / bearbeitet von Friedrich Freiherr von Dincklage-Campe
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Was machten nun die Hottentotten während dieser Zeit?" wird jeder fragen. Längst schon hatten sie ihre Stellungen verlassen und lagen in unserer Tagesstellung hinter unseren Pferden; wir dachten an unser schönes Gulasch, das noch überall in den Packtaschen steckte. Nun sammelt sich etwas vor uns unter Geschrei ein ganzer Haufen Hottentotten an. Die haben unseren Proviantesel gefunden!" sagte einer leise zu mir; die Schlägerei dort war also kein Wunder, denn wir hatten einige Flaschen Schnaps auf unserm Esel verpackt! In aller Stille legte jeder sein Gewehr an, auch die Verwundeten.Jeder zielt, so gut er kann," sagte ich leise,und wenn ich Feuer sage, drückt jeder ab und alles ist dann wieder ruhig! Ist alles fertig?"Ja."Feuer!" Ein Schreien und Schimpfen auf feiten des Gegners, auch glaubten wir menschliche Körper fortschleifen zu hören. Ein rasendes Schnell­feuer gaben dann die Hottentotten auf uns ab, aber ich glaube in ganz anderer Richtung, denn wir waren mäuschenstill, der Feind war durch die Salve so erschrocken, daß er nicht wußte, von welcher Seite sie kam. Auch das Schnellfeuer hörte wieder auf, und truppweise schien der Gegner zurückzugehen, indem er immer ein kurzes Schnellfeuer abgab, dem ein Laufen nach rückwärts folgte. Dann wurde es etwa um 12 Uhr still. Wir froren, keiner hatte Decke oder Mantel, Hunger und Durst plagten uns, was sollte uns der nächste Morgen bringen? Im Kreise rechts und links um uns steckten sich vereinzelt Hottentotten die Pfeife an; wir wurden also bewacht.

IV.

Morgenrot.

Endlich, endlich graute der Morgen; purpurn färbte sich der Horizont, dann dachte ich an das schöne Lied:Morgenrot, Morgenrot, leuchtest uns zum frühen Tod!" Aber diesmal traf es nicht zu; kein Hottentott ließ sich hören oder sehen. Was nun machen? Ich besprach mich kurz mit den Leuten. Auf mein Kommando sprang alles, mit Ausnahme der Schwerverwundeten, auf; schnell wurde eine Schützenlinie gebildet. Aber wir erhielten kein Feuer! Ich bestimmte zwei Mann, die den Reiter Bader tragen sollten, denn er konnte nicht gehen. Alle anderen Verwundeten wollten gehen! So gingen wir nun ausgeschwärmt in südlicher Richtung zurück. Tiefe Schluchten waren zu überwinden, und ich mußte die Träger des Reiters Bader oft wechseln lassen. Nach etwa einer halben Stunde standen wir auf einer Höhe, das Gelände vor uns fiel sanft nach Süden zu ab, aber was war dort unten? Eifrig sah man eine Menge Gestalten und Reiter hin und her jagen; waren es wieder Hottentotten? Nein, es war unser Detachement.Warum kommt das Detachement jetzt erst, da es doch nur drei Stunden entfernt war?" Ich will versuchen, darauf zu antworten.

Bei Beginn des Gefechtes war Herr Leutnant von Detten bei der Spitze. Letztere war von uns etwa 50 Meter entfernt. Gewiß hat der Herr Leutnant von dort gleich ge­sehen, daß ein Gefecht für uns verhängnisvoll sein würde, darum gab er den Befehl zum Rückzug; seine nächste Umgebung folgte ihm, unterdessen wurden wir vollständig umzingelt und mußten liegen bleiben. Konnte nun der Herr Leutnant anders denken, als daß wir alle verloren wären? Konnte er etwas anderes dem Detachementsführer melden? Darum wartete auch der Führer des Detachements erst das Detachement des Herrn Majors von Kamptz ab, um mit vereinten Kräften den Gegner zu verfolgen.

Wir hatten mit 21 Gewehren dem 300 Gewehre starken Gegner Morenga gegenüber­gestanden, und zwar 18 Stunden lang. Wir 16 kamen lebend davon.

Ich gehörte früher dem Infanterie-Regiment Nr. 112 an. An Auszeichnungen erhielt ich das Militärehrenzeichen 2. Klasse und die badische silberne Verdienstmedaille.

Ernst Klages, Polizeisergeant, Windhuk (Deutsch-Südwestafrika).