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ein Glück für mich, daß ich auf dem frisch angekommenen Pferde saß; denn eins von unseren Pferden wäre wohl sofort zusammengebrochen. Die arnien Tiere konnten kaum noch traben, geschweige denn galoppieren. — Kurz hinter dem Termitenhaufen traf ich auf Oberstleutnant Mueller mit Unteroffizier Jakobs und noch einem Reiter unseres Stabes. Ich parierte durch, und Oberstleutnant Mueller rief mich an: „Was ist denn los?" Ich sagte nur kurz: „Schuß durchs Fußgelenk." Zu langem Besinnen war keine Zeit; denn von allen Seiten pfiffen die Kugeln. Oberstleutnant Mueller rief schnell: „Na, dann vorwärts!" und weiter ging's. Der Schimmel ging immer noch, obwohl sehr matt. Das Feuer hinter uns ließ nach, und kurze Zeit darauf trafen wir Oberstleutnant de Beaulieu, Major von Neitzenstein und andere Herren, die auch gänzlich im unklaren über die Situation waren, da in dem dichten Busch eben nichts zu sehen ist. Da es absolut nicht die Sache einer Erkundung ist, sich iu ein Gefecht einzulassen, und wir ja außerdem den äußersten besetzten Punkt festgestellt hatten, ritten wir weiter rückwärts; mein Schimmel wurde durch den Blutverlust matter und matter und brach schließlich unter mir zusammen. Wir hatten gerade den dichten Busch verlassen und waren auf der vorerwähnten Fläche angelangt. Ich wurde von: Pferde gehoben
und mir von: Oberstabsarzt >
Dr. Schian ein Notverband angelegt. Man trug mich in den dürftigen Schatten eines Baumes. Der Arzt versuchte mir den Stiefel auszuziehen, es ging nicht, daher schnitt er ihn kurzerhand herunter, dann untersuchte er die Wunde. Man konnte schon erkennen, daß der innere Knöchel vollkommen zerschmettert war, er sah ganz eingefallen aus, und als mir der Arzt einen Sublimatmullstreifen durch die Wunde zog, bekam ich den ersten Vorgeschmack der Schmerzen, die meiner noch
warteten. Die Kameraden hatten unterdessen vorne eine Schützenlinie gebildet zum Schutze des provisorischen Verbandplatzes. Oberstleutnant Mueller ließ meinem braven Schimmel durch einen alten Schutztruppler den Gnadenschuß geben, und wie er mir später schrieb, vergaß er nie den letzten Blick dieses treuen Tieres, das mir das Leben gerettet hatte und ohne das ich jetzt wohl zusammen mit Oberstleutnant Mueller und seinen beiden braven Leuten auf den: Felde der Ehre läge; denn Oberstleutnant Mueller hätte mich sicher nicht in: Stich gelassen, das weiß ich ganz genau.
Mein Verband war schnell beendigt, das Reservepferd wurde für mich gesattelt uud ich hinausgehoben. Gott sei Dank war es ein ruhiges Tier, denn allmählich stellten sich starke Schmerzen ein. Vom Traben, das anfangs versucht wurde, war bald keine Rede mehr; wir mußten den langen Weg zum Lager, ungefähr noch elf Kilometer, im Schritt zurücklegen; denn bei einem Versuch zum Traben steigerten sich meine Schmerzen bis zur Unerträglichkeit; im kurzen Galopp ging's noch eher, aber jede ungeschickte Bewegung war eine Folterqual für mich, darum zog ich den Schritt vor. Endlos zog sich der Weg unter der glühenden afrikanischen Sonne hin, bis wir endlich das Lager vor uns hatten. Mir wurde glühend heiß, ich entledigte mich erst meiner Lederweste und ritt dann mit offenem, Rock. Die Wunde blutete
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„Es liing nun mns Leben. ... ich ritt Salier, was ich kannte."