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Pferde. An der Pütz stand ein vollbärtiger Mann mit stark mitgenommenem Anzug, hatte einen Strohwisch in der Hand und seifte seinen Bambusen, einen jungen Hottentottenbengel, höchst eigen- händig ab. Ich sah ihn mir genauer an, und endlich erkannte ich in dem verwitterten Reiter meinen Freund, den Leutnant von Brederlow. Wir eilten aufeinander zu und schüttelten uns wieder und immer wieder die Hände. Die Freude eines solchen Wiedersehens läßt sich schwer schildern. Wir hatten uns, die wir früher eng befreundet gewesen waren, nun zwei Jahre lang nicht gesehen. Viel hatten wir seitdem erlebt, was Wunder, daß nun das Erzählen kein Ende nehmen wollte! Was wir im fremden Lande erlebt hatten, wurde berichtet, dazwischen kamen alte Erinnerungen aus der Garnison, und mancher Satz begann mit: ..Weißt du noch?"
Dann, am Abend, lasen wir, im Ochsenwagen sitzend, die Briefe vor, die Brederlow von den Kameraden geschickt waren. Wie schön war es, nun wieder von den heimischen Verhältnissen zu hören. Und als Brederlow gar noch eine Flasche Schwedenpunsch hervorholte, die ihm das Regiment geschickt und die er sorgsam bis zu diesem Moment des Wiedersehens gehütet hatte, leerten wir sie mit geradezu weihevollen Gefühlen.
Zu uns gesellte sich noch Leutnant Zedler, der mit einer Eselskolonne ins Innere zog. Er brachte eine besonders schwere Kiste mit, die ihm als Stuhl diente. Als wir ihn fragten, warum er sich gerade diese schwere Kiste ausgesucht habe, erzählte er, daß in ihr eine halbe Million baren Geldes sei, das er der Distriktskasse Keetmannshoop abzuliefern habe. Fürwahr, ein wertvoller Stuhl!
Am nächsten Tage schwang sich mein Regimentskamerad auf das Pferd meines Burschen, der mit dem Ochsenwagen folgte, und ritt mit mir nach Brakwater. Wenn er gehofft hatte, hier in ein üppiges Wohlleben zu geraten, so mußte er enttäuscht sein. Wir saßen hier am nächsten Abend in einer engen Höhle und lasen nun meine Briefe gemeinsam, nachdem wir uns an einem mehr als frugalen Male gestärkt hatten; denn wie anderswo, wurde auch hier oft „Kohldampf geschoben", d. h. gehungert.
Leider mußten wir uns bald trennen und taten das in der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen in Deutschland. — Jetzt sind wir wieder im alten Regiment; oft sitzen wir abends beisammen, alte Erinnerungen austauschend, und wieder beginnt mancher Satz mit: „Weißt
du noch? Götz von Olenhusen.
III.
Goliath.
Der schlaue Kapitän der Bersebahottentotten, Christian Goliath, hatte vor Beginn des Hottentottenaufstandes sich und seinen Stamm als „neutral" erklärt. Dem Offizier, welcher den dortigen schwachen Heliographenposten befehligte, war jedoch das Verhalten der Bersebaleute verdächtig vorgekommen, und so wurden auf sein Ansuchen sofort von drei Seiten Truppen nach Berseba herangezogen, die binnen 24 Stunden dort eingetroffen waren. Dies half. Goliath wurde sehr klein, entschuldigte sich und behauptete, nicht er wolle den Orlog, sondern eine Partei seines Stammes, die ihm nicht wohl wolle, dränge, ihm zum Trotz, zum Orlog. Bereitwilligst wurde nun unsere Abteilung nach Berseba geschickt, wo wir am 2. Pfingsttage 1905 eintrafen, lediglich um Goliath gegen diese Rebellen zu unterstützen. Für uns, die wir schon über ein Jahr im Lande herumgezogen waren, bedeutete dies eine willkommene Ruhepause. Obgleich wir Goliath wohl sehr unangenehm waren, freundeten wir uns doch mit ihm an, und er verschaffte uns auch manche interessante Stunde.
Goliath ist ein sehr gebildeter Hottentotte, der die deutsche Sprache gut beherrscht, lesen und schreiben kann. Vor seinem weißen Asbesthause war auf seiner Visitenkarte zu lesen: „Christian Goliath, Kapitän Berseba."
Goliath hielt sich den „Swakopmunder Anzeiger", den er sich Freitags durch seinen Postboten aus Keetmannshoop holen ließ. Sonnabends mittags brachte er uns, die wir