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Eine wilde Jagd!
i.
„Kameraden," sagte Korporal Schneider zu uns, als wir an dem sonnigen Nachmittag des 29. August 1905 frohen Mutes durch die dunklen Klippen bet Spitzkopp ritten, „ich glaube, wir machen einen guten Fang." Wir (Unteroffizier Schneider, Reiter Mohr, Reiter Weißer und Bur van Niekerk) waren nach der friedlichen Eingebornenwerft Spitzkopp, etwa 40 Kilometer östlich Keetmannshoop, abkommandiert, weil von dort in letzter Zeit größere Viehdiebstähle gemeldet waren. Am dritten Tage unsres Aufenthaltes ritt unser Korporal auf Jagd. Bei seiner Rückkehr teilte er uns mit, daß er gute Anhaltspunkte habe, wo die Viehräuber steckten.
Eine Stunde von hier war eine Farm, die von einem Engländer (Smid) und einem Teutschen (Pitters) bewohnt war. Farmer Pitters hatte die Spuren der Viehräuber entdeckt und forderte unsern Unteroffizier auf, mit uns eine Patrouille nach der von ihm bezeichneten Stelle zu reiten. Ohne Zögern brachen wir auf. Nach einem strammen Ritt von einer Stunde kamen wir auf der Farm Daweb an. Hier machten wir eine kurze Rast und setzten dann mit dem Farmer Pitters und einem Eingebornen unsern Ritt fort. Als die Sonne im Westen sank, hatten wir die Felsen Passiert, und eine endlose Fläche mit wogendem gelben Gras breitete sich vor unsern Blicken aus. Inmitten dieser Ebene zog sich ein Rivier (ausgetrocknetes Flußbett) hin, das mit seinen hohen Bäumen einen schönen Anblick bot. Wir waren jetzt von der Pad abgebogen und suchten uns auf Wunsch des Farmers einen geeigneten Lagerplatz. Da an den vorhergehenden Abenden immer große Feuer in dem bezeichneten Rivier gesehen wurden, sollten wir liegen bleiben, bis auch uns solche sichtbar würden. Dann sollte gesattelt, die betreffende Stelle umgangen und die dort vorhandenen Hottentotten eventuell lebendig gefangen werden. Nach Angabe des Farmers waren es zwölf Mann mit acht Gewehren; wir waren jetzt fünf Gewehre, also konnten wir auf einen hartnäckigen Kampf rechnen. Nachdem wir abgesattelt hatten, fesselten wir unsre Pferde und ließen sie weiden; darauf legten wir uns, abwechselnd wachend, nieder. Die Nacht verging, ohne daß wir Feuer sahen. Bei Sonnenaufgang wurde geweckt und gleich gesattelt, um den Rückmarsch anzutreten. Kaum waren wir eine halbe Stunde geritten, da fanden wir ein frisch abgesatteltes Pferd. Vorsichtig ritten wir weiter und trafen auf so viele Spuren, daß wir zuerst ganz verblüfft waren. Wir beschlossen, den Spuren zu folgen. Nach einem viertelstündigen Galopp, als wir eben durch eine Schlucht kamen und um einen Felsrand reiten wollten, standen wir plötzlich vor einer mindestens löOköpfigen Witbooibande. Die Kerle waren bei unserm unerwarteten Auftauchen so überrascht, daß sie uns Zeit ließen, unsre Pferde herumzureißen und auf dem Wege nach der Farm fortzujagen; denn an die Aufnahme eines Kampfes war natürlich nicht zu denken. Wir hatten aber noch nicht ganz die Pad erreicht, da empfing uns schon ein mörderisches Feuer. Das Gewehr in der Hand, mit dem Körper vornübergebeugt, jagten wir wie der Sturmwind über Stock und Stein. In der Höhe der Farm Dawel hielt ich an und sah mich nach den Kameraden um. Farmer Pitters hatte einen Vorsprung und jagte in der Richtung nach Spitzkopp davon. Kamerad Weißer und Bur van Niekerk kamen auf mich zu, unser Korporal war nicht da. Wir mußten vor allen Dingen dem Farmer Smid unsre Hilfe anbieten. Da er aber Engländer war und die Witboois diesen nichts taten, lehnte er unsern Beistand ab. Nun hieß es, eine geeignete Stellung einnehmen und uns so lange verteidigen, bis unser Unteroffizier da war. Wir ritten auf eine einzelstehende Kuppe zu, begleitet von dem Feuer der Eingebornen. Doch kaum hatten wir dieselbe erklettert, da erkannten wir, daß es eine verlorene Sache war; denn teils zu Fuß, teils beritten suchte uns der listige Feind jeden Ausweg abzuschneiden. Schnell beschlossen wir jetzt aufzubrechen, damit wenigstens einer von uns die Spitzkopp erreichte, um so bald wie möglich Meldung zu bringen.