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Deutsche Reiter in Südwest : Selbsterlebnisse aus den Kämpfen in Deutsch-Südwestafrika ; nach persönlichen Berichten / bearbeitet von Friedrich Freiherr von Dincklage-Campe
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Das war der günstigste Moment, um uns der Übermacht zu entziehen. Gedeckt durch die Anhöhe saßen wir auf und jagten im Galopp los. Doch die Kugeln waren schneller als unsre Pferde.

Ich lag plötzlich auf der Erde, das treue Pferd war getroffen. Hier half kein Zögern. Das Gewehr in die Hand nehmen, den Wassersack vom Sattel reißen und so schnell wie mög­lich in das Buschwerk verschwinden, das war das Werk eines Augenblicks. Zu meiner Über­raschung kam noch mein Kamerad Weißer zu mir. Nur der Bur war mit dem Pferde ent­kommen. Wir beide, nun jeglichen Schutzes beraubt, beschlossen, beieinander auszuhalten bis in den Tod. Wir entzogen uns schleunigst den Blicken des Gegners, so daß dessen Feuer ganz verstummte. Erst nach einer halben Stunde strammen Laufens gönnten wir uns einen Moment Ruhe. Vor uns, aber in noch weiter Ferne, lag das Aurosgebirge, die Pforte winkte uns entgegen; doch erst nach deren Passieren erwartete uns Rettung. Hinter und neben uns der heimtückische Feind und über uns die unbarmherzig brennende afrikanische Sonne! Jetzt machte sich auch der Durst bemerkbar. Mein Wassersack war durch den Sturz meines Pferdes ausgelaufen, so daß wir uns kaum die Lippen netzen konnten. Anfangs kamen wir flott vor­wärts, doch durch das längere Marschieren in dem Sande, bei zunehmender Hitze, schmerzten bald die Füße. Wir mußten uns gegenseitig aufmuntern. Das Bewußtsein, daß ein deutscher Soldat niemals verzagen soll und darf, und daß ihm in der größten Not Gott der Herr als treuer Führer zur Seite steht, gab uns neuen Mut. Wir erreichten dann auch glücklich nach acht­stündigem, beschwerlichem Marsch die Pforte.

Als wir diese passiert hatten, zogen wir unsre Stiefel aus, um unsre wunden Füße etwas abzukühlen. Der schreckliche Durst trieb uns wieder auf, und barfuß setzten wir unsern Weg fort. Doch hielten wir es so nicht lange aus, der Sand war heiß, und Disteln und Dornen gruben sich ins Fleisch. Die Stiefel wurden angezwängt, und nach nochmals drei Stunden batten wir Auros, das Lager unsrer achten Batterie, erreicht. Mit Jubel wurden wir Tot­geglaubten empfangen, mancher liebe Kamerad weinte Tränen der Freude. Unsre erste Frage galt unsern Gefährten. Wir erfuhren, daß Farmer Pitters um 9 Uhr, Bur van Niekerk um 11 Uhr vormittags eingetroffen waren, und beide unsern Tod gemeldet hatten.

Unser lieber Unteroffizier Schneider kam zwei Stunden später als wir. Als sein Pferd am Morgen erschossen worden war, hatte er sich zur Farm Daweb geschlichen, dort ein ge­satteltes Pferd bestiegen und war davongejagt. Sein Pferd war aber bald schlapp geworden, so daß auch er den Weg zu Fuß zurücklegen mußte.

An demselben Abend ging noch eine Patrouille von 30 Mann fort, welche am andern Tage mit dem Farmer (Smid) zurückkam. Der Feind mit dem Vieh war verschwunden. An unserm Gefechtsplatz (Spitzkopp) wurden zwei tote Witboois gefunden, auch waren nach Aus­sage des Farmers noch einige verwundet.

Das war Hendrik Witboois letzter Viehdiebstahl. Monat später hatte ihn das Schicksal ereilt, und wir waren einen großen Schritt dem Frieden näher gekommen. Wir wurden zum Militärehrenzeichen 2. Klaffe eingereicht.

Ferd. Joh. Mohr,

ehern. Unteroffizier der Kaiserl. Schutztruppe f. D.-Südwestafrika.

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Die arme Frau!

In anregendster Unterhaltung über das Land, das uns so gut gefiel und das wir von Herzen liebgewonnen hatten, saßen wir gestern nach dem Abendessen im Kasino zu­sammen, als Plötzlich unser verehrter Etappenkommandant, Herr Hauptmann Barack, hereintrat:

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