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Dem Umstand, daß die Artillerie auf Befehl des Majors Osterhaus rückwärts eine Stellung nahm, ist es wohl zuzuschreiben, daß die Hereros längere Zeit die rückwärtige Seite der Schützenlinie nicht umschlossen. Späterhin versuchten sie es. Leutnant Gras von Arnim machte sich verdient, daß er die zum Teil in Knäueln, zum Teil an Termitenhügeln oder besonders dichte» Büschen liegenden Schützenpulks veranlaßte, ihren seitherigen Platz zu verlassen und dem Nahfeuer des Gegners aus der neuen Schußrichtung entgegenzutreten. Nach dieser Anordnung warf er sich in der Nähe der Leutnants von Vethacke und von Meten nieder. Letzterer nahm dem schwerverwundeten Gefreiten Sertl, 11. Feldkompagnie, das Schloß aus dem Gewehr. Sertl, vor der eigenen Linie zusammensinkend, wurde von Leutnant Grafen von Arnim unter Beihilfe der Gefreiten Paul Schulz, Walkhoff und des Reiters Trawiel hinter die Front geschleppt. Gefreiter Schulz verband später noch einen Verwundeten der 5. Feldkompagnie auf diesem Teile der Feuer- frout, vom Feinde scharf beschossen. Bei dem Beginnen, den Gefreiten Sertl zu verbinden, empfing Leutnant Gras von Arnim eine Schußwunde. Er fiel über den Reiter Trawiel hinweg. Dieser und Leutnant von Vethacke zogen ihn etliche Schritte zurück und lagerten ihn an einem Termitenhügel. Der Verwundete wurde mehrfach ohnmächtig. Trawiel nahm dessen Karabiner und vergrub das Schloß. Leutnant Graf von Arnim schoß bei den nachfolgenden Angriffen des Gegners mit seiner Browningpistole, die ihm Trawiel jedesmal lud. Stabsarzt Dr. Poleck, bemüht, den Verwundeten zu helfen, kam herbei. Die Verletzungen der drei auf engem Raum liegenden Verwundeten erwiesen sich indessen als schwer.
Leutnant Wagner wollte die Artillerie zum Vorgehen veranlassen. Dahin unterwegs, wurde er von Hereros beschossen. Oberleutnant Steinhaufen, ein „alter Afrikaner", Ordonnanzoffizier der Abteilung, legte aus gleicher Veranlassung zweimal diesen Weg zurück. Beim zweitenmal wurde er von den Hereros verfolgt, die, den alten Stationschef von Gobabis erkennend, mit den Rufen: „Lütnant Steinhaufen! Lütnant Steinhaufen!" förmlich Jagd auf ihn machten. Ein Wurfkirri flog ihm in den Rücken. Mit Aufbieten der letzten Kräfte gelang es dem Offizier, zu den Geschützen zu laufen, seinen Auftrag zu melden. Dann brach er ohnmächtig zusammen. Die Artillerie vermochte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Gelände nach vorwärts zu gewinnen, da der Gegner in bedeutender Überzahl ringsum das Feuer unterhielt. Gefreiter Schroeter, 7. Feldkompagnie, vom Abteilungsadjutanten Oberleutnant Bischofs aus ebendenselben Gründen entsandt, war noch nicht 50 Meter von der Infanterie- gruppe entfernt von Hereros angegriffen worden. Zwei schoß er nieder, erhielt aber dann selbst einen Streifschuß an der Brust. Der Mann hatte die Energie und Geistesgegenwart, sich tot zu stellen, als die Angreifer ihn bis aufs Hemd ausraubten. Dann warfen sie ihn in einen Busch, jedoch ohne ihm, nach ihrer Gewohnheit, den Schädel mit Kirris eingeschlagen zu haben. Schroeter schloß sich später, splitternackt, über und über mit Dornen bespickt, den Schützen wieder an, die ihn, trotz des Ernstes der Lage, mit Heiterkeit begrüßten.
Es zeigte sich dabei, daß die Truppe, welche müde nach mehreren, fast schlaflos verbrachten Nächten, ermattet von Hunger und Ritten, gepeinigt von zahllosen Fliegen, den lästigen Begleitern aller Menschen und Tiere in diesem Lande, fast durchgängig von vorzüglichem Soldatengeist beseelt war. Von der 7. Kompagnie verdienen als besonders brav und umsichtig in diesem Gefecht genannt zu werden: Leutnants Freiherr von Lindenfels und von Vethacke, die Sergeanten Jhling und Landvoigt, Unteroffizier Graßmann, die Gefreiten Walkhoff,
Unteroffizier Paul Schulz.