342
hätte ich vier bis fünf Meter auf ebenem Boden, direkt' vor den Gewehrläufen der Gegner, hinspringen muffen, um das Gewehr zu holen. Es war einfach unmöglich. Als ich noch einen Moment hinter meinem Pferde sann, was ich nun machen sollte, da kamen fünf Mann vom rechten Flügel des Feindes mit aufgepflanztem Seitengewehr unter Hurrageschrei auf mich zu. Ich hielt ihnen das leere Gewehr noch einmal entgegen, und da warfen sie sich sofort wieder hin. Sie hatten sicher geglaubt, ich wär' auch schon tot.
„Lang!" rief ich noch einmal, aber der rührte und regte sich nicht mehr. Ich rollte mich ein paarmal um, zurück bis an die kleinen Sträucher, und dann lief ich im Zickzack, was ich laufen konnte, davon. Freilich bekam ich dabei noch einige Schüsse durchs Zeug. Mein Gewehr nahm ich nur noch ein Stück mit, dann warf ich es fort, da es doch nicht mehr zu gebrauchen war. Das Schießen hatten die Hottentotten schon einige Zeit eingestellt, aber sie waren auch schon bis einige Schritt mir nahe. Ich lief und lief. Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde, daß sie mir so dicht auf den Fersen waren, dann ging es zum Glück in ein Nivier bergab, und da bekam ich etwas Vorspruug. Nun hatten sie das Laufen eingestellt und fingen wieder au zu schießen; ich setzte mich einen Moment auf eine Klippe, um etwas zu verschnaufen. Das Blut kam bei mir aus dem rechten Auge, Nase, Mund, rechten Zeigefinger, Brust und Rücken gequollen. Ich fühlte richtig, wie ich immer schwächer wurde. Da die Geschosse aber immer dichter neben mir einschlugen, und ich hier nicht bleiben konnte, brach ich wieder auf, — lief noch eine Viertelstunde im Dickicht weiter, dann hörte das Schießen auf.
Da wir schon den dritten Tag unterwegs waren, glaubte ich, nicht mehr weit von der Abteilung von Zwehl entfernt zu sein und schlug den Weg nach dieser Richtung ein. Endlich kam ich an etwas Wasser, welches noch vom Regen in einem Loch zwischen den Steinen übrig geblieben war, trank, wischte das Blat etwas ab und verband mich, soweit es ging. Nachdem ich fertig war mit Abwäschen, war das Wasser ganz rot geworden. Aber ich hatte mich wieder gestärkt und setzte meinen Marsch fort. Da sah ich ungefähr 600 Meter vor mir Pontoks und Vieh dazwischen herumlaufen. Ich bog in nordwestlicher Richtung links ab, die Höhe hinan. Aber als ich oben angelangt war, kamen auch die Hottentotten von weitem mit der Beute, welche sie bei dem Überfall gemacht hatten. Ich mußte retour und stieg entgegengesetzt wieder in die Höhe. Der Abhang war sehr dicht mit Milchbüschen und Kakteen bewachsen, so daß sie mich hierbei nicht sehen konnten. Auf dieser Seite oben war auch alles dichter Busch, und ich drehte nun mehr nach Osten zu, um den Hudupfluß zu erreichen; denn der Zustand, in welchem ich mich befand, war einfach grauenhaft. Den Wassersack hatte ich am Pferde hängen gelassen, und die Feldflasche war mir abgeschossen. Endlich gelangte ich an den großen Fluß, den Hudup. Hier stillte ich den Durst und kühlte die Wunden etwas ab. Dann wollte ich wieder nordwärts, aber ich konnte nicht wegen der Werft, welche an der Mündung des kleinen Riviers stand. Ich ging daher ostwärts durch das Rivier auf die entgegengesetzte Seite, bog nach Norden und ging ungefähr eine Stunde. Dann mußte ich aber die Richtung nach Nordwesten einschlagen, um zur Truppe zu gelangen. Hier mußte ich wieder das große Rivier kreuzen. Als ich aber vom Rande in das Rivier blickte, sah ich allenthalben Vieh und Hottentotten, wußte also, daß in jeder Weise mir der Weg zur Truppe abgeschnitten war. Nun bekam ich wieder Durst und drehte um und schlug den Weg südöstlich nach Gibeon zurück ein.
Als ich nun wieder am Wasser war, ruhte ich erst einmal eine Stunde aus. Gegen 1 Uhr ging ich wieder weiter, durchkreuzte das Rivier wieder und kam bis ziemlich an die Werft heran. Da die vor mir liegende Strecke keine Deckung bot, wartete ich hier im Gesträuch, gegenüber der Werft, bis es dunkel wurde. Dann kroch ich auf dem Bauche zum Wasser, trank noch einmal tüchtig und nahm noch eine Blechdose, welche ich erst gefunden hatte, voll Wasser mit.