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Ich durfte es nicht wagen, in aufrechter Haltung nach dem Wasser zu gehen; denn auf der anderen Seite kamen viele Eingeborene ans Wasser. Auch diesseits gingen Vieh abtreibende Hottentotten dicht an mir vorbei.
Ich lag ruhig und beobachtete alles. Dann lief ich über die Fläche nach Südwesten und stieg die steile Felswand in die Höhe. Als ich oben angelangt, war es so dunkel geworden, daß man nicht die Hand vor Augen sah. Es drohte jede Minute zu regnen. Hier oben drehte ich wieder nach Südosten, ging ein paar Stunden auf dem Nananibplateau, dann ging's wieder in einem Rivier abwärts. Ziemlich unterhalb des großen Flusses hörte ich öfters Vieh schreien und vernahm ganz plötzlich eine Hottentotteustimme. Ich machte hinter dem nächsten Busch halt und überlegte. Umkehren, das Rivier wieder bergauf, das ging nicht; denn der Durst machte sich bei mir wieder sehr bemerkbar. Ich zog nun meine Stiefel aus, hielt sie fest zusammen, damit sie nicht klapperten, und ging dann in Strümpfen mitten durch die Werft. Links und rechts standen Pontoks, ich schlich mich zwischen dem Vieh durch — es war meist Großvieh. Dann lief ich in dem kleinen Rivier meist auf den Klippen, damit meine Spur nicht so zu sehen war. Als ich an das große Rivier kam, stieß ich wieder auf Hottentotten, die unter Bäumen lagerten. Ich hätte bald drauf getreten, denn sie sahen im Finstern gerade aus wie Klippen. Ich ging nun den Hudup abwärts, nach Süden zu. Als ich ein Stück von der Werft weg war, trank ich erst einmal tüchtig und ging dann weiter. Da sah ich vor mir etwas kommen.
Sofort warf ich mich in das meterhohe Gras und versuchte, meine Spur zu verwischen.
Es warenHottentotten,jedenfalls einePferde- wache. Ich zitterte förmlich vor Angst, auch wohl vor Schmerzen; denn der abgeschossene Finger und die anderenWunden machten sich argbemerkbar. AberGott war bei mir und führte die Feinde an mir vorüber.
Nach einer Weile ging ich, gebückt, im Grase weiter und traf hier auch Pferde und Esel an. Ich blickte noch einmal zurück nach der Werft, wo jetzt 16 Feuer brannten.
Mittlerweile war es Tag geworden. Ich zog meine Stiefel wieder au und ging in dem großen Rivier vorwärts. Es wurde immer breiter, und die Berge immer niedriger. Noch ein paar Kurven, dann hatte ich die letzten hohen Berge des Hudup hinter mir. Ich machte halt und ruhte erst ein paar Stunden, denn außer der kurzen Zeit tags zuvor, als ich gerade gegenüber der Werft lag, und wo ich auch kein Auge schließen konnte, hatte ich keine Minute Ruhe gefunden. Ich war von gestern morgen gleich nach Sonnenaufgang bis jetzt immer nur neuen Gefahren ausgesetzt gewesen, deshalb suchte ich mir jetzt ein günstiges Plätzchen, wo ich glaubte ungestört schlafen zu können. Höchstens vier Stunden hatte ich geruht, den richtigen Schlaf aber nicht gefunden. Die Aufregung war zu stark, und die Schmerzen zu groß, der Hunger stellte sich auch bald ein. Es waren bis jetzt gerade zwei Tage, daß ich keinen Bissen mehr eingenommen hatte; mein Glück war ja, daß ich bei der Tour öfters an Wasser kam.
Es mochte 11 Uhr abends sein, als ich wieder aufbrach. Bald hatte ich das letzte Wasser im Gebirge, den Airob, überschritten. Ich hatte zwei leere Flaschen gefunden, füllte
Reiter Friedrich Wiike.
WMe