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Dorf genommen. Der Feind hatte sich mir wenig widersetzt, und nur zeitweise sielen noch einzelne Schüsse von den umliegenden Höhen in unsere Mitte. Wir legten die gefallenen Hottentotten zusammen. Auch wir hatten einen Schwerverwundeten auf unserer Seite, dem ich mich nun nach völligem Sieg widmete, um seine Schmerzen zu lindern. Ein Schuß durch die Brust hatte ihn kampfunfähig gemacht. Nur mit größter Mühe konnte ich den Blutverlust stillen.
IV.
„Nur wir beide noch!"
Im Vollbcwußtsein unseres so schnellen Sieges wurde das Vieh zusammengetrieben, und im Begriff, den Gefechtsplatz zu verlassen, geschah etwas Unerwartetes.
Die Höhen, die Gebirgskette, die sich um die Schlucht zeigte, wimmelten Plötzlich von Hottentotten, und ein furchtbares Schnellfeuer prasselte zwischen uns. Uns war der Rückzug nun abgeschnitten, und nur ein Kampf auf Leben und Tod war uns beschieden. Jeder suchte, so gut es ging, Deckung und nahm das Feuer des Gegners auf. Wer mochte noch am Leben sein? so war meine Frage, als ich noch immer in Deckung lag und ein Schießen von unserer Seite aus nicht mehr vernahm. Plötzlich hörte ich eine Stimme vor mir: „Rolle! Rolle!" tönte es. Ich lauschte und vernahm die Stimme meines geliebten Offiziers. Schnell sprang ich auf, und etwa zehn Meter vor mir lag mein braver Oberleutnant Böttlin schwer verwundet.
Nur wir beide noch auf offenem Felde!
Ich nahm den blutenden, völlig matt gewordenen Offizier auf meine Schultern und, verfolgt von dem anhaltenden Gewehrfeuer des Feindes, brachte ich ihn in eine Deckung. Der Feind rückte näher und näher. Ich mußte den teuren Verwundeten hinter einen kleinen Hügel legen, um den heranstürmenden Feind durch ein wohlgezieltes Schnellfeuer abzuhalten, er rückte jedoch immer näher und suchte mir meinen ihnen soeben entrissenen Offizier wieder abzuringen. Wieder nahm ich den schon Totgeglaubten auf meine Schultern. Aus sieben Wunden rann das Blut. Ermattet und völlig erschöpft legte ich ihn endlich wie leblos nieder. Das jenseitige Ufer des Oranjerivier war erreicht! Wir waren gerettet!
Hier, auf englischem Gebiet, wurden wir im englischen Feldlager aufgenommen. Von den englischen Offizieren wurden wir entwaffnet — die übrigen Leute meiner Abteilung waren inzwischen auch eingetroffen. Wie viel lieber wäre ich auf dem Schlachtfelde geblieben und hätte gekämpft bis zum letzten Atemzüge, aber die ungeheure Übermacht des Feindes schloß diese Möglichkeit aus. Unser Los war, entweder uns wehrlos dem Feinde preiszugeben — und was dann mit uns geschah, welchen Grausamkeiten wir noch vor dem sicheren Tode ausgesetzt wurden, das war uns allen bekannt — oder Gefangenschaft im englischen Lager. Unsere beiden Verwundeten erhielten denn auch gute Pflege im englischen Lager und wurden noch am selben Tage zur weiteren Behandlung nach Pella überführt. Wir, der Rest der Patrouille, wurden unter englischer Bedeckung nach der englischen StationRamansdrift eskortiert. Achtzehn volle Stunden führte unser Rückweg durch tiefsandiges Gelände am Oranjerivier entlang. Es war nachmittags des 12. Dezember, als ich meine so schwer geprüfte Patrouille antreten ließ; aus ihren Gesichtern sprühte noch das alte Feuer. Wohl lag Mattigkeit in ihren Gliedern, aber sie alle wußten zu gut, was ich jetzt noch auf meinem Herzen trug.
Mögen meine Worte meinen alten treuen Kameraden alte Erinnerungen wachrufen, und mögen sie alle, die damals mit mir in dem heißen Kampfe treue Waffenbrüderschaft Pflegten, diese ehrenvollen Soldatentage, trotz ihrer Entbehrungen, niemals vergessen.
Otto Rolle,
ehem. Feldwebel der Kaiser!. Schutztruppe s. D.-Südwestafrika.
Inhaber des Militärehrenzeichens 1. Klasse, Militärehrenzeichens 2. Klasse, Ehrenzeichens 2. Klasse mit den Schwertern.
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