210
Die Werft, die wir passierten, unten vor dem Bergzuge, war verlassen. Wir marschierten weiter; nirgends etwas vom Feinde zu sehen. — Da löst sich aus einem kleinen Busch auf der Felshöhe eine Khakigestalt — schleicht weiter nach oben. Jetzt rührt es sich an mehreren Stellen. Einzelne Leute im Anzüge der Schutztruppe lösen sich aus dem rötlichgrauen Gestein ab und eilen weiter hinauf zum Rande. Am ganzen Felszuge dieselbe Beobachtung. Die ganze mächtige Position war besetzt, das wußten wir jetzt. Die so schon feste Stellung war durch zusammengerollte Felsblöcke, zwischen denen hier und da die Gewehrläufe blitzten, noch verstärkt. Aber kein Mensch zu sehen. Da sandten unsere Geschütze den ersten Gruß; aber wirkungslos schlugen die Granaten gegen das Gestein. Wir lagen in Schützenlinie, 15 bis 20 Schritt voneinander, auf dem Bauche — auf 500 Meter vom Feinde. Es wird gruppenweise vorgesprungen, dann gekrochen auf allen vieren, das Gewehr am Riemen mit den Zähnen tragend.
Aber von da oben konnten wir frei gesehen werden — wir sahen nichts. Meine Kompagnie, Oberleutnant Freiherr von Schönau-Wehr, lag auf dem linken Flügel, während
Hauptmann Franke mit der 2.Kompagnie eine erhöhte Stellung am rechten Flügel gewonnen hatte. Die Marine war bei der vierten; ich war bei der äußersten linken Seitendeckung. Seit 8 Uhr lagen wir in hinhaltendem Feuer — ohne sichtbare Wirkung. Da erkenne ich, von meinem äußersten Flügel aus, daß die Hereros auf ihrem rechten Flügel, uns gegenüber, andauernd Verstärkungen von rückwärts bekommen. Ich krieche zum Zugführer, Leutnant von Stülp - nagel, und melde; der schickt mich melden zum Major von Estorff. Ich fand ihn auf einem kleinen Ein- geboreuenstuhl sitzend. Nachdem ich gemeldet, sagte er: „Mein Sohn, legen Sie sich hin!" Ich mochte Wohl
SS. r.
! 7 _' ,
Vom raschen Laufe erschöpft erscheinen; denn ich hatte seit mehreren Tagen Fieber und fieberte auch jetzt — es war mir einerlei, ob die Kugeln Pfiffen. Dazu den schrecklichsten Durst; denn die Sonne brannte furchtbar. Ich zögerte dennoch, mich zu legen. „Legen Sie sich hin, und dann melden Sie!" sagte er nochmals. Einen Augenblick überlegte er und sagte dann: „Der Herr Leutnant soll aushalten — die 2. Kompagnie hat schon den weißen Felsenrand drüben!" Ich also zurück. In der Schützenlinie ist ein Wassersack — Gott weiß, woher er kam. Wie neu belebend wirkt der warme Trunk. Ein Unteroffizier will einen Baum besteigen, um Rundschau nach dem Verbleib der Verstärkungen zu halten. Da fällt schon ein Schuß — ganz nahe, aber er trifft nicht. „Diese Halunken wollen mich wie einen Vogel vom Baume schießen!" sagte der Unteroffizier. Schon hatte er das Gewehr am Kopfe. Ich laufe vor und sehe noch einige Hereros im Busch verschwinden. Jetzt kommt Oberleutnant Freiherr von Schönau-Wehr zu Pferde. Er bringt Wassersäcke und Brot, die er von den Geschützen holte, und verteilt sie, die Feuerlinie entlang sprengend. Dann kommt er zu Fuß zurück. „Was ist das?" ruft er plötzlich. „Von hinten und aus der linken Flanke Feuer?" Sofort läßt er die Schützen nach links schwenken, die neuen