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Deutsche Reiter in Südwest : Selbsterlebnisse aus den Kämpfen in Deutsch-Südwestafrika ; nach persönlichen Berichten / bearbeitet von Friedrich Freiherr von Dincklage-Campe
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Als wir in Höhe von Kuis angekommen waren, meldeten die beiden Eingeborenen unserem Leutnant, daß die verfolgten Feinde Witboois seien. Jetzt gewahrten wir auch zwei berittene Hottentotten, die in aller Eile ein Stück Großvieh in Sicherheit bringen wollten. Leutnant von Mosch ließ die Patrouille aufmarschieren, und im Galopp ging's hinter den beiden Hottentotten her. Nachdem wir etwa 200 Meter geritten waren, erhielten wir plötzlich von drei Seiten heftiges Feuer. Die Patrouille, die bis jetzt geschlossen vorgegangen war, schwärmte schleunigst auseinander und machte kehrt.

Nach einigen Sekunden wurde mein Pferd von einer Kugel tödlich getroffen und brach mit mir zusammen. Ich riß mein Gewehr aus dem Gewehrschuh und lief zu Fuß der Patrouille nach, hart verfolgt von den Hottentotten, die auf etwa 70 m sich mir genähert hatten. Nachdem ich etwa 100 m angestrengt gelaufen war, fand ich den ersten Toten von uns, den Reiter Sauer (Kopfschuß). Die Patrouille war mittlerweile in einer Bodensenkung abgesessen und schwärmte gegen den Feind aus. Glücklich langte ich bei den Unsrigen an und hörte, wie Leutnant von Mosch die Kameraden fragte, wo der Verwundete wäre. Als er mich kommen sah, wollte er mich wieder zurückschicken, um den Verwundeten zu holen, worauf ich ihm meldete, daß der Reiter Sauer bereits tot wäre. Der Feind versuchte nun, uns ein­zuschließen. Daher mußte die Patrouille, ohne einen Schuß abgeben zu können, schnell auf­sitzen und davonsprengen. Auch ich mußte wieder niein Heil in der Flucht suchen. Auf meinen Zuruf hielt der Kriegsfreiwillige Geiß ler (später, am 2. Dezember 1904, im Patrouillen- gefecht bei Rietmont unter Leutnant von der Marwitz gefallen) sein Pferd an und bot mir an, mit aufzusitzen. Infolge des äußerst angestrengten Laufens war es mir jedoch nicht möglich, das Pferd zu besteigen. In diesem Augenblick der höchsten Gefahr bekam ich einen rettenden Einfall. Ich gab Geißler mein Gewehr, faßte sein Pferd am Schweif und lief nun im heftigen Feuer hinterher. In Deckung angekommen, bat ich Geißler, mir mein Gewehr zurückzugeben, da ich vor Erschöpfung nicht weiter lausen konnte. Geißler sprengte dann der Patrouille nach. Mir gelang es noch, mit Aufbietung meiner letzten Kräfte die nächste Höhe zu erreichen, wo ich zusammenbrach.

Die Verfolger waren wieder auf etwa 100 m herangekommen. Um sie etwas auf­zuhalten, feuerte ich rasch hintereinander einige Schüsse ab, worauf die Hottentotten, einen zahlreichen Feind vermutend, stutzten. Diese günstige Gelegenheit benutzte ich, kroch zurück und lief in der Deckung wieder auf Kub zurück. Auf der nächsten Höhe angekommen, erhielt ich wiederum heftiges Feuer von der Stelle aus, wo ich vorhin gelegen hatte. Ab und zu schoß ich aus gedeckter Stellung auf den Feind, um frische Kräfte zur weiteren Flucht sammeln zu können. Eine berittene Abteilung der Hottentotten hatte mittlerweile der Patrouille den Rückweg abgeschnitten.

Ungefähr einen Kilometer vor Kub gewahrte ich einige Leichen und Pferdekadavcr von meiner Patrouille. Darunter erkannte ich auch die Leiche des Oberleutnants Haack, der sich unserer Patrouille angeschlossen hatte. Endlich erblickte ich zu meiner großen Freude eine Schützenlinie unserer Truppen, die gegen die Hottentotten auf der Höhe vorging. Nach einigen Minuten brach ich bewußtlos zusammen und wurde von den Unsrigen aufgenommen. Nach kurzer Erholung machte ich das Gefecht bis zum Schlüsse mit. Die Strecke, die ich unter dem heftigen Feuer des Feindes zurücklegen mußte, beträgt etwa vier Kilometer. Wie durch Zufall wurde ich gerettet. Von den Hunderten von Schüssen, die auf mich abgegeben wurden, haben zwei meinen Hut, einer den Rock, zwei die Hose durchlöchert und ein Schuß den Gewehrkolben getroffen.

Wilhelm Czarnetzki,

ehem. Unteroffizier der 2. Eskadron des Drag.-Regiments König Albert von Sachsen Nr. 10,

z. Zt. Farm Otjenga.