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Aus der Suche nach ausgebrochenen Maultieren und Pferden.
Vom 1. bis 6. Oktober 1905.
Am 30. September 1905 war ich noch Kolonnenoffizier und hatte einen Transport von Windhuk über Gobabis nach Aminuis zu bringen. Ungefähr in der Mitte zwischen Gobabis und Aminuis, an der Wasserstelle Ums, brachen mir, in der Nacht vom 30. September zum 1. Oktober, meine sämtlichen Maultiere und Pferde aus dem Kral aus; dieser war hier eine Art Wagenburg; die Wagen waren kreisförmig aufgefahren und mit Stricken verbunden. Es waren zusammen etwa 165 Stück. Eine angekommene Kamelpatrouille hatte sie dermaßen in Angst versetzt, daß sie nicht zu halten waren. Es gelang nur, etwa 30 Maultiere in den Kral zurückzutreiben; die übrigen Flüchtlinge waren verschwunden. Nun ist das Weglaufen der Tiere in Afrika nichts Außergewöhnliches. Ein Schakal, eine Hyäne, ja ein bloßer Schatten bringen nachts öfter Paniken unter den weidenden oder im Kral stehenden Tieren hervor, und diese laufen dann oft meilenweit, ehe sie haltmachen. Da wir keinen Mondschein hatten, und der Himmel bewölkt war, hatte ein unmittelbares Nachreiten in derselben Nacht keinen Zweck. Die Spur war nicht zu erkennen. Am andern Tage, also am 1. Oktober, setzte ich mich selbst mit meinem Burschen, dem Gefreiten Hackelberg, meinem Wachtmeister und noch einem Reiter auf die Spur, die in die Kalahari hineinführte; begleitet waren wir noch von zwei eingeborenen Soldaten, zwei Zwartbooi-Hottentotten. Die Spur war deutlich zu sehen, und ich glaubte, daß ich spätestens in zwei Tagen mit den Tieren wieder zurück sein würde. Die Wasserbeutel hatten wir gefüllt und Proviant für etwa drei Tage mitgenommen. Der ganze erste Tag verging; von den gesuchten Ausreißern war nichts zu sehen. An der Spur konnte man erkennen: die Tiere hatten nur einmal einen kurzen Halt gemacht, um zu weiden, sonst waren sie immer Trab oder Galopp gelaufen. Da kein Mondschein war, mußten wir leider darauf verzichten, die Nacht zur Verfolgung der Ausreißer zu Hilfe zu nehmen, und konnten wir nur während des Tages in der Hitze reiten, was Tier und Reiter natürlich sehr anstrengte. Am Ende des zweiten Tages hatten wir noch nichts von den Gesuchten bemerkt; zwei meiner Maultiere machten bereits schlapp; ich mußte sie zurücklassen. Da auch unser Wasser längst zu Ende war, beschloß ich, die Spur vorläufig aufzugeben und auf die nächste Wasserstelle Kaichab loszumarschieren. Das war die Wasserstelle, die wir auf dem Marsche von Gobabis nach Ums unmittelbar vor diesem passiert hatten. Da die Spuren auch ungefähr nach dieser Richtung weitergingen, vermutete ich, wie sich nachher herausstellte, mit Recht, daß die Tiere dorthin zurückgelaufen wären. Wie weit die Wasserstelle noch war, wußten wir nicht; ich taxierte ungefähr noch zehn Stunden; tatsächlich waren es aber vierzehn.
Am Morgen des 3. Oktober wurde es, da die Wolken fort waren, schon früh heiß. Um 7 Uhr brannte bereits die Sonne wie toll. Meine Leute fingen an, schlapp zu werden. Um 8 Uhr morgens schon mußte ich haltmachen und entschloß mich schließlich, von den übriggebliebenen vier Maultieren zwei zu erschießen, um durch Blut unseren quälenden Durst einigermaßen zu löschen.
Wir öffneten den Leib der Tiere und schöpften mit unseren Koppjes, Trinkbecher mit Henkel, das Blut in Futterbeutel. Der Reiter, den ich mit hatte — der Name ist mir leider entfallen — konnte sich nicht mehr halten; halb wahnsinnig vor Durst trank er sofort von dem warmen Saft und wurde bald schwindlig: er hatte das Dicke vom Blute mitgetrunken, was sehr unangenehme Folgen haben kann.
Wir ließen das Blut einige Augenblicke stehen, bis sich das Dicke gesetzt hatte, und schöpften dann die obere gelblich-rötliche dünne Flüssigkeit ab, die ganz kühl war und wie Eiweiß schmeckte. Das half in der Tat eine Weile über den Durst hinweg und fühlten wir uns
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