Dokument 
Deutsche Reiter in Südwest : Selbsterlebnisse aus den Kämpfen in Deutsch-Südwestafrika ; nach persönlichen Berichten / bearbeitet von Friedrich Freiherr von Dincklage-Campe
Entstehung
Seite
394
Einzelbild herunterladen

394

gingen aber in der Dunkelheit fehl. Ich stieg schnell ab und suchte im Dornbusch Deckung; dann war auf kurze Zeit alles ruhig.

Mein Pferd hatte mich aber bald wieder durch seine Unruhe verraten, und ich mußte mich schnell aus dem Staube machen. Meinen Rücken machte ich mir durch mehrere Schüsse etwas frei und stieg dann in den Sattel, um im schnellsten Tempo zurückzureiten und meiner Kolonne die Meldung zu überbringen. Mehrere Kugeln folgten mir nach. Ich entkam, aber erst jetzt fühlte ich, daß ich verwundet war. Ein Bleigeschoß hatte mir sämtliche Mittelhandknochen der linken Hand zerschmettert. Nach langem Ritt im schnellsten Tempo brach mein müdes Pferd zusammen. Ich war noch nicht verbunden, denn ein Verbandpäckchen besaß ich nicht mehr. Ich entschloß mich daher, das schmutzige Taschentuch um das Handgelenk zu wickeln, damit das Bluten etwas nach­ließe.

Ich hatte hierbei meine Marschrichtung verloren, wußte nicht mehr, wo ich mich be­fand, und beschloß, zu übernachten, wo ich mich befand, um am nächsten Morgen meine Truppe zu suchen. Nach einer Stunde wurde ich durch ein lautesHalt, Werda!" aufgeschreckt. Es war Sergeant Scharf, welcher die Spitze führte. Ich antwortete:Hier Sergeant Klein, hole schnell Verbandzeug!" Darauf erhielt ich vom Sanitätssergeanten Breitwieser einen Not­verband und ging gleich wieder freiwillig auf Patrouille. Der Feind war aber nicht mehr zu finden; er war abgezogen. Nun erst begann mein Leiden, der ganze Arm war angeschwollen. Der Unterarm ist in dreimaliger Operation amputiert worden.

Im Feldlazarett 7 zu Otjimbinde (im Sandfeld) wurde nach vier Tagen meine Hand vom Stabsarzt I)r. Schleuder behandelt. Das Lazarett sollte erst aufgebaut werden. Da ich in den letzten Tagen vor Schmerz nichts mehr gegessen hatte, machte sich der Hunger jetzt auch recht fühlbar bemerkbar.

Der Stabsarzt kochte in seinem Kochgeschirr Gries. Ich sah ihm von weitem zu. Ich hatte ihn nicht erkannt, da er nur mit Hemd und Hose bekleidet war.

Als er auf mich aufmerksam wurde, fragte er:Haben Sie auch Hunger?" Ich sagte:Aber nicht zu knapp!"Na warten Sie, Sie sollen gleich etwas bekommen!" Darauf gab er mir in einem Kochgeschirr etwas ab, und ich wollte, auf einem Steine sitzend, anfangen zu essen, als ein Kaffer, welcher bei der Truppe als Viehwächter diente und sehr an Malaria litt, im Fieberwahn auf mich zusprang und mich mit Faustschlägen bearbeitete; mein Kochgeschirr mit Gries war in weitem Bogen in den Busch geflogen. Der Hunger war mir vergangen.

Am selben Nachmittag, als die Lazarettzelte aufgebaut waren, wurde ich operiert, und ich habe hier im Sandfeld sechs Monate neben meiner Verwundung noch an Typhus, Ruhr, Skorbut und Gelbsucht gelegen. Später wurde ich mit dem Militärehrenzeichen 2. Klasse dekoriert.

Emil Klein,

ehem. Sergeant der Kaiser!. Schutztruppe s. D.-Südwestafrika.

Sergeant Emil Klein.

*

*