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kaum darauf. Nur der Sanitätssergeant waltete im Kugelregen seines Amtes. Im Nu war die Munition von den Protzen und der Karre herangebracht, und dann begann ein eifriges Suchen, mit und ohne Glas, nach dem Feind. Aber menschenleer schien die weite, mit niedrigem Dornbusch bestandene Ebene. Nicht einmal das geringste Rauchwölkchen war zu sehen. Nur die Richtung, aus der die Schüsse kamen, fühlte man deutlich heraus. Das war auch vorerst genug. Mit Schrapnells-Brennzündern feuerten wir dorthin und legten so lange an Entfernung zu, bis auf einmal das feindliche Feuer schwieg. Jetzt hatten wir sie. Noch ein paar Schüsse, dann Feuerpause! Denn was half es, gegen Leute zu schießen, die sich hinter unsichtbaren Deckungen verkrochen. Günstigere Gelegenheiten mußten kommen! Daß dies das letzte Gefecht sein werde, konnte man sehr bezweifeln, und an einen Ersatz der ohnehin knappen Munition war nicht zu denken. Und richtig, nach einiger Zeit bekam man drüben wieder Mut und schoß, wenn auch vorsichtiger. Da fegten wieder die Schrapnells hin, bis Ruhe eintrat. Nun erhielten wir Feuer aus der linken Flanke. Es war eigentlich der dort kämpfenden Kompagnie Ritter und der Halbbatterie Stuhlmann zugedacht, ging aber über diese hinweg. Alle entbehrlichen Leute der Bedienung mußten nun in den Geschützzwischenräumen ausschwärmen, um mit dem Karabiner wegzuschießen, was sie vorn Feinde sahen; denn einzelne Schützen mußten ganz nahe liegen. Gleichzeitig wurde dadurch gegen das Flankenfeuer ein schmaleres Ziel gebildet. Im trockenen Dornbusch raschelte es jetzt häufiger, immer zahlreicher wurden die kleinen Sandwölkchen, die um uns aufwirbelten. Das leise, geschwinde Zischen des modernen Kleinkalibers mischte sich mit dem Sausen der Geschosse älterer Konstruktion. Dann hoben sich wohl die Leute vom Boden und meinten grimmig: „Wenn man nur einen sähe, dem würde man's schon geben!"
Der feindliche rechte Flügel verlängerte sich inzwischen bis in unsern Rücken hinein, und bald kamen auch von dort die Kugeln. Ab und zu konnten wir dort sogar einen Witbooi sehen. In solchen Fällen hat man den sehnlichen Wunsch, den unverschämten Kerlen eins auf die Nase zu geben, besonders wenn man seinen eigentlichen Feind nicht sieht und sich ihm überlegen weiß. Unsere Wünsche gingen bald in Erfüllung.
„Die 8. Kompagnie greift den feindlichen rechten Flügel an. Die Gebirgsartillerie begleitet den Angriff!" So hieß der freudig begrüßte Befehl. Jetzt ging es in die zweite Stellung, in die Schützenlinie der braven Kompagnie! Auch hier wurden wir im Auffahren heftig beschossen. Ein Kaffer, der beim ersten Geschütz als „Tauleiter" das vorderste Ochsenpaar führte, siel vor Schreck auf die Erde. Doch ruhig setzte der Gespannführer, ein langer Bur mit deutschem Namen, seine riesige Peitsche in kreisende Bewegung. Klatschend traf sie, und der Schwarze flog mit ungeahnter Elastizität wieder empor.
Kaum waren wir in Stellung, da setzte der Feind einen Gegenangriff an. Endlich konnte man nun gegen sichtbare Ziele schießen, und bald machten die Hottentotten kehrt. Im Zurückweichen mußten sie eine Düne überschreiten. Dies sah die Batterie, ließ von ihrem bisherigen Ziele ab und verwandelte mit ihren wirksamen Brennzündersalven den feindlichen Rückzug in Flucht.
Die Gebirgsgeschütze hatten nun ihre Feuertaufe erhalten.
Groos,
ehern. Oberleutnant der Kaiser!. Schutztruppe f. D.-Südwestafrika.
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Aus umstellter Kuppe bei Keidorus.
Das Gefecht am Fischfluß hatte am 27. Juni 1905 bereits eingesetzt, als mein Zugführer, Leutnant von Bönninghausen von der 9. Kompagnie 2. Feldregiments, dem Unteroffizier
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