460
als wir es noch gestern gehofft. Erschüttert machen wir uns an die Bestattung. — Aber der Arzt stellt noch fest, daß unsere armen Kameraden zum Teil bei lebendigem Leibe so furchtbar gemartert sind, daß einem Verwundeten das Genick bei gräßlichen Qualen langsam umgedreht ist. Unser Zorn und Haß kennt keine Grenzen. Könnt ihr glauben, daß da nicht jeder einfache Reiter seine Gefühle so bezwingen kann, daß er bei diesem Seelentumult noch an Milde und Vergebung im Kampf denkt?
Zwei flache Gräber sind fertig. Wir erwarten einen Überfall, denn es wurden eine feindliche Reiterpatrouille und Krieger zu Fuß gesehen. Schnell kommt noch ein wenig Erde aus die Toten, ein Kranz von Dornenbüschen über die Stätte, damit Schakal und Hyäne wenigstens jetzt den Leib ruhen lassen, und dann wird ein Gebet gesprochen. Leise tut's jeder für sich in der heißen Sonne; der Schlapphut ist gegen die Brust gedrückt. Wieder werden Hereros gesehen. Hauptmann von Fiedler hat seine Instruktionen, und wir brechen auf, obwohl zwei der Kameraden noch nicht gefunden sind. Aber wir suchten genau. Sie können hier nicht mehr liegen. Entweder sind sie entkommen, und wir sehen sie vielleicht glücklich wieder, oder sie sind lebendig als Gefangene im Lager der Feinde am Waterberg, dann wehe ihnen! Aber das soll uns nicht niederdrücken. Wir sind ja wohl alle bei den Patrouillen und'Zügen aufs Schlimmste gefaßt. Auf dem schnellen Marsch blieb ich mit zwei Reitern weit hinter den andern zurück. Unsere Tiere waren zu schlapp. Trotzdem gelingt es uns, im Feldlager glücklich wieder einzutreffen. Die beiden Geretteten sehen noch etwas angegriffen aus. Der Unverwundete hat aber wahre Kameradschaft gezeigt. Er schleppte seinen armen Gefährten meilenweit mit sich fort, obgleich er sich dadurch Schlimmerem, als der Todesgefahr, aussetzte und Durst, Hunger und schwere Strapazen litt.
Herbert Schröder,
ehem. einj.-freiw. Unteroffizier der 8. Kompagnie 1. Feldregiments der Kaiserl. Schutztruppe f. D.-Südwestafrika.
* -i-
*
Leben und Treiben aus der Reede von Swakopmund.
Schon seit 48 Stunden war der Woermanndampfer aus der Heimat überfällig. Es war aber auch kaum anders zu erwarten. Drei Tage lang lag bereits der dichte, undurchdringliche Seenebel über dem Meere und Swakopmund. Den ganzen Tag und die Nacht hindurch tönten, weithin hörbar, die Torpedopfeife von dem Dampfkrane auf der Mole und die Dampfsirenen der augenblicklich aus der Reede liegenden zwölf großen transatlantischen Dampfer als Warnungssignale für etwa ankommende oder abgehende Dampfer. Das Getöse der donnernd sich überschlagenden Brandung hörte ich bis in das Zimmer, das ich im Hotel „Zum Fürsten Bismarck" bewohnte.
Auch heute, wie schon seit Wochen alle Tage, da ich als Rekonvaleszent zur Genesung am Meere weilte, führte mich mein Weg an den Strand. Die Wellenberge, „Brecher" genannt, überschlugen sich, zu zwei bis drei Meter Höhe angewachsen, brüllend und warfen ihren Gischt auf den Strand, bis dicht an die weithinaufgezogenen Boote.
Schon zwei Tage konnte der hohen Dünung, der Brandung und des Nebels wegen keine Ladung von den Dampfern übergenommen und gelandet werden. Selbst an dem von unserer vortrefflichen Eisenbahnbaukompagnie errichteten 300 Meter langen Pier, welcher seit einigen Tagen fertig und mit einem Hilfskran in Benutzung genommen worden war, konnten keinerlei Ausladearbeiten verrichtet werden. Die vom Meere kommenden hohen Dünungen schlugen sogar von unten den Bretterbelag des Piers fort.