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Deutsche Reiter in Südwest : Selbsterlebnisse aus den Kämpfen in Deutsch-Südwestafrika ; nach persönlichen Berichten / bearbeitet von Friedrich Freiherr von Dincklage-Campe
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Stahltrosse ohne Ende durch einen Flaschenzug vom Lande aus gezogen wird, ist inzwischen ein Floß, mit Pferden beladen und durch eine Dampfpinasse gezogen, festgemacht worden. Ein Pfiff zeigt den Leuten der Dampfwinde am Ufer an, daß sie die Stahltrosse anziehen sollen, um das Floß an das Ufer zu schleppen. Man muß die Ruhe bewundern, mit welcher die Tiere alles über sich ergehen lassen. Manches hierzu mögen die mitfahrenden zwei Männer, deren Füße in hohen Wasserstiefeln steckten, beitragen.

Endlich stößt das Floß auf den Grund. Seine vorderste Wand wird herunter­geklappt und dient den Tieren als Brücke beim Aussteigen. Doch bis zum Bauche müssen sie durch das Wasser waten, um mit einigen Sprüngen aufs Trockne zu gelangen. Dort erwartet sie schon ein berittenes Kommando Schutztruppler, und unter Hallo und Peitschen- geknall geht es im flotten Trabe dem nicht fernen Viehkral zu.

Ein Blick auf die Brandung zeigt uns gerade ein ausführendes Boot hoch oben auf dem Kamm eines Brechers, um im Augenblicke hinabzuschießen, noch anderen entgegen. Da, ein plötzliches Hallo und Geschrei! Ein einfahrendes Boot, schwer beladen mit Kisten und Tonnen, ist durch die Gewalt eines schlecht abgepaßten Brechers quergeschlagen, und seine Mannschaft bis auf den Steuermann aus Angst vor dem Kentern über Bord gesprungen. Der brave Steuermann, treu hält er auf seinem Posten aus, aber er muß sehen, wie ein Brecher nach dem andern über sein Boot hinwegschlägt; in wenigen Augenblicken haben die Wellen die ganze Ladung über Bord gespült, und diese wird nun lustig im Wasser dem Ufer zugetrieben; das ist natürlich wenig vorteilhaft für den Inhalt, aber bequemer für die Bootsmannschaft.

Herr Kapitän Henneberg, der Hafenkommandant der Woermannlinie in Swa- kopmund, begibt sich soeben, um den Dampfer zu begrüßen, mit einigen Schutztruppen-Offi- zieren und Beamten in einer Dampfpinasse hinaus, welcher drei Boote angehängt sind. Nicht lange währte es, und es erschienen die ersten Boote mit neuen Ankömmlingen. Fast alle sind es Schutztruppler als Ersatz der Feldtruppe; aber die langersehnte Heimatspost haben sie auch mitgebracht. Schnell geht das Ausladen vor sich.

Die Frauen und Kinder werden mittels des Kranes, in einen: Korbstuhle sitzend, aufgewunden, doch auch viele Ängstliche des starken Geschlechts ziehen diesen Weg dem gefähr­licheren Hinausklimmen an der Leiter vor.

Gepäck- und Postsäcke sind schnell auf die bereitstehenden Lowries verladen und fortgerollt.

Das Ein- und Ausladen der Boote längsseits der Dampfer geschieht für Menschen, Vieh und Lasten auf die gleiche Art, und zwar immer mittels des Kranes. So zwischen Himmel und Wasser zu schweben, ist zwar keine Fahrt im Lift, doch sind hierbei viele humorvolle Szenen zu verzeichnen, die es wert gewesen wären, in der Heimat kinematographisch wiedergegeben zu werden.

Die Sonne nähert sich dem Horizont, es wird schnell dunkel. Plötzlich ergießt sich der lange, breite Lichtkegel des Scheinwerfers vom Lande her durch die Luft und erleuchtet taghell den Kopf des Piers und das ihn umgebende Wasser mit den auf ihm sich wiegenden Pinassen und Booten.

Das Landen der Boote am Strande ist natürlich eingestellt, und alle Kräfte müssen am Pier eingreifen, bis die Feierabendstunde schlägt.

Daß auf dem glatten Wasserspiegel der Jnnenmole still und tätig gearbeitet werden kann, sehen wir auf unseren Bildern. Wie ruhig liegen dort die Prähme, Pinassen und Boote, wie schnell arbeiten die Dampfkräne, und wie ganz anders ist das Bild am Pier und am Strande.

Sieht man die vor Frost zitternden, durchnäßten Neger, die in der Brandung kämpfenden Boote, das Landen des Viehs, das gefahrvolle Ein- und Ausbooten, so kann es nur von allen beteiligten Seiten mit Freude begrüßt werden, daß jetzt von deutschen Männern, mit deutschem Kapital, deutschem Fleiß und Energie eine große Mole erbaut werden soll, die allen Kalamitäten abhelfen wird.