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Im Biwak zieht der Mann seinen Mantel an. hüllt sich in die Pferdedecke und in die Zeltbahn ein; sein Kopfkissen bildet der Sattel.
So schläft man, den strahlenden Sternenhimmel über sich, prachtvoll! . . .
Eigentlich ist der südliche Himmel nicht so reich an Sternbildern wie der unsrige; aber trotzdem erscheint er viel Heller und schöner, weil die dünne, durchsichtige Luft ihn näher zu uns zaubert. Die am hauptsächlichsten in die Augen fallenden Sternbilder sind das „Südliche Kreuz": vier in Kreuzesform angeordnete helle, strahlende Sterne, und der „Orion": drei große Sterne nebeneinander, in deren Zwischenräumen viele kleine funkeln; das Ganze sieht aus wie die Diamantenbrosche einer Dame.
In der kalten Zeit wird im Lager, sofern es die Nähe des Feindes gestattet, bei Nacht Feuer angezündet; in der heißen Zeit liegt kein Bedürfnis dazu vor.
Während sich die Truppe im Biwak der wohlverdienten Ruhe hingibt, weiden in der Nähe die Pferde, Ochsen und Esel unter dem Schutze von Viehposten, welche, das Gewehr im Arm, sorgfältig Wache halten und nicht nur dafür zu sorgen haben, daß die Tiere nicht weglaufen, sondern auch scharf gegen den Feind aufpassen müssen, der stets auf das Abtreiben, oder wie man es dort nennt, auf das „Klauen" von Vieh bedacht ist. — Sie lesen oft in der Verlustliste: „Auf Viehposten gefallen" — das find solche Posten, wie ich sie eben erwähnt.
Sobald die Sonne aufgeht, etwa 5 Uhr — was, nebenbei bemerkt, ein großartiges Schauspiel ist und immer von neuem das Auge entzückt —, werden die Tiere eingefangen; es wird gesattelt und abmarschiert. Zum Kaffeekochen ist keine Zeit; denn die Morgenkühle muß zum Marschieren ausgenutzt werden. Sind die Pferde und Esel nicht schlapp, d. h. haben sie in der letzten Zeit ordentlich Hafer bekommen, so kann abwechselnd Schritt und Trab geritten werden. Leider find die Tiere aber häufig schlapp, weil kein Hafer da ist. Das soll kein Vorwurf für die Etappe sein; die tut, was sie kann, mit nicht genug anzuerkennender Energie. Es liegt eben in den schwierigen Verhältnissen infolge der großen Entfernungen, welche der Nachschub zurücklegen muß.
Die Weide allein hält die Pferde nicht leistungsfähig genug für die Anforderungen, die wir bei den Operationen an die Tiere stellen müssen. Dabei ist es ganz einerlei, ob das Pferd ein Ostprenße oder ein Afrikaner oder ein Argentinier ist. Bekommen sie ordentlich Hafer, so sind sie alle drei gleich gut; bekommen sie längere Zeit kein Kraftfutter, so werden sie eins wie das andere schlapp. Das Klima an und für sich vertragen unsere Ostpreußen gut.
Sind die Tiere schlapp, so muß zu Fuß marschiert werden, und dann zieht der Reiter, ein betrübendes Bild, sein Rößlein hinter sich her. Manchmal sind mir bei solchem Anblick die Uhlandschen Verse eingefallen:
„Da mußt' er mit dem frommen Heer Und mancher deutsche Reitersmann
Durch ein Gebirge, wüst und leer, Hat dort den Trunk sich abgetan.
Daselbst erhob sich große Not, Den Pscrden wurde schwach im Magen,
Viel Steine gab's und wenig Brot- Fast mußte der Reiter die Mähre tragen."
Nebenbei bemerkt, besteht der größte Teil unserer südwestafrikanischen Reiter aus Infanteristen, Pionieren, Fußartilleristen, Eisenbahnern, die bisher nie etwas mit einem Pferd zu schaffen gehabt haben, zunächst weder reiten noch satteln, noch pflegen können, sich vielmehr diese Eigenschaften erst im Krieg allmählich aneignen müssen.
Die achttägige Vorbildung im Reiten und in der Pferdepflege, welche die Truppen vor der Ausreise auf dem Übungsplatz Munster erhalten, ist nur ein dürftiger Notbehelf. Diese anfängliche Unvertrantheit eines großen Teils der Reiter mit dem Pferdematerial wirkt naturgemäß ungünstig auf dessen Zustand ein und beschleunigt den Verbrauch an Pferden.
Dieses ist einer der vielen Gründe, welche die Forderung nach Schaffung eines ständigen Kolonialkorps immer dringlicher machen, eines Kolonialkorps, in dem berittene Infanterie systematisch auszubilden sein wird.
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