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Diesen Gedanken gaben wir auch am Morgen des 27. Januar 1904 Ausdruck, als der Missionar mit den Worten zu uns trat: „Die Hereros haben sich von ihren Werften zurückgezogen, wahrscheinlich, um einen plötzlichen Angriff auf das Haus auszuführen." Vorsichtig traten wir hinaus: wie ausgeftorben lag der bis zum Abend vorher noch so belebte Ort vor uns. Weit und breit kein Mensch zu sehen! Die Krale leer! War uns früher der unaufhörliche Zustrom von Hereros beängstigend gewesen, so war die plötzliche Stille am Morgen des 27. Januar noch viel unheimlicher. Was anders konnten die Vorgänge bedeuten, als die vom Missionar ausgesprochene Vermutung? Es hieß nun, sich bereithalten für den Tod, für einen qualvollen entsetzlichen Tod; denn die Mordlust der Hereros war aufs äußerste gestiegen. In tiefem Schweigen verharrten wir beieinander. Wieder kehrten meine
Gedanken zurück zu den Ereignissen der letzten Wochen, dann eilten sie in die alte Heimat. Ich sah den Kummer unserer Ungehörigen bei Empfang der Nachricht von unserem Schicksal. Heute einte das Geburtstagsfest unseres Herrschers daheim alle Herzen. Heiße Gebete um Rettung vor dem grauenvollen Tode stiegen empor — und sie fanden Erhörung. Noch an diesem Tage wurde uns der Weg zu unserer Rettung gewiesen!
Der Missionar hatte Ausschau gehalten und — noch in weiter Ferne — zwei in der Richtung auf das Haus fahrende Wagen bemerkt. Endlich waren sie angelangt. Von den Bastards, denen sie gehörten, erfuhren wir die ersten authentischen Nachrichten vom Kriegsschauplatz. Gott sei Dank, es waren günstigere, als wir erwartet hatten.
Am Tage zuvor hatten die Hereros bei Seeis eine Niederlage erfahren und waren in wilder Panik geflüchtet. Weiber, Kinder und den gesamten Besitz hatten sie weit in das östliche Hereroland gebracht.
So hatten die Vorgänge im Hererolager am 27. Januar ihre Erklärung gefunden. Dem Rat der Bastards folgend, beschlossen wir, uns so schnell als möglich in den Schutz einer Militärstation zu begeben. Die Hoffnung, eine solche zu erreichen, war zwar gering, aber aus dem Gehörten hatten wir die Zuversicht geschöpft, daß das Vaterland die Deutschen in Südwestafrika nicht im Stich und die Toten nicht ungerächt lassen würde."
Frau Helene von Falkenhausen.
Frau Helene van Falkenhaufen.
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Wir haben die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl der Leser auf eine deutsche Ansiedlerfrau gerichtet, die mit Heldenmut die schwersten körperlichen und seelischen Schmerzen