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Wir hatten alle ausgeruhte Tiere bekommen, die lose im Kral, ohne Halfter liefen. Wir mußten sie einsangen. Bei den älteren ging das auch ganz gut. Aber die jüngeren schlugen wie verteufelt, und mancher von uns fiel dahin, wo der Rücken aufhört. Ich hatte auch so ein Tier gefaßt, führte es zur Wagenstaffel und wollte es an meinen Wagen bringen. Aber die Bestie ging mit mir im Kreise herum, daß mir die Beine in die Luft flogen, und dann. lag ich auch schon -— mit meiner Eßmaschine und meinem Leuchtturm im frischen Mist und —na -— da verging mir der Appetit.
Meine Embouchure schwoll mächtig an, und der Leib tat mir weh, als wenn ich Kolik hätte. Ich mußte dennoch mit zugreifen, denn viele der Kerls hatten keine Ahnung vorn Einspannen. Um 11 sollten wir zum Abmärsche von Swakopmund fertig sein. Um 1 Uhr waren wir noch nicht fertig. Endlich ging's los. „Am rechten Flügel anfahren!" Ja — prosit die Mahlzeit! „Hü! hü!" schreit jeder, aber nichts rührt sich; wenigstens nicht nach vorwärts. Einer hatte die lange Schweppe, traf aber nicht die Mulis, sondern die eigenen Ohren.
Die alten Reiter sahen zu und lachten, und nachdem sie sich weidlich über unsere Fahrkunst lustig gemacht, brachten sie uns dann raus aus Swakopmund. Na, und dann ging's los! Nicht wie wir, sondern wie die Pferde wollten. Die Pad war auch nicht allzu- glatt — man mußte sich festhalten, wenn's zu toll stieß. Aber nach Nonidas kamen wir endlich doch ohne Unfall. „Ausspannen!" „Futtern!" usw. Die Mulis waren schon mittlerweile ein bissel zahmer geworden, und wir durften uns nach getaner Arbeit gütlich tun und uns eine Flasche Bier kaufen. Dann ging's zum Schlafen. In einen alten Pferdestall?
Nein! Ich legte mich unter einen alten Wagen, machte mir eine Kompresse auf meinen geschwollenen Sprech- organismus und schlief ein.
Auf einmal wache ich auf. Mir war übel,
Wohl in der Traumerinnerung an mein erstes Frühstück in Afrika. Rasch richte ich mich auf — aber blau und braun wurde mir vor den Augen — ein furchtbarer Schlag und dann mächtiges Sausen, und das Blut lief mir über den geschwollenen Mund. Ich hatte vergessen, daß ich unter dem Wagen lag. Nun wußte ich's! Man lernt rasch zu in Afrika! Mächtig schwoll nun auch meine Rübe an, und nach acht Tagen schillerte ich in allen Farben, so daß meine Kameraden mich den „Herero" nannten. Und ich träumte doch in der Nacht so schön — ich wäre zu Hause beim Mütterlein! Der Traum hat mich arg betrogen! Die Lehre habe ich aber doch aus diesem Unfall gezogen: „Afrika ist nicht der Ort zum Träumen"; später — na, da erlebte ich Schlimmeres — aber darüber mögen andere schreiben. Jetzt ist alles eine schöne Kriegserinnerung, und man freut sich, daß man auch dabei war!
Andreas Spiegel,
ehem. Reiter in der Kaiserl. Schutztruppe f. D.-Südwestafrika.
Reiter Andreas Spiegel.
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