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Zweiter Theil
Entstehung
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Nachtmahl und begeben sich in den Harchm, wohin die Brannt- weintrinkendcn sich erst kurz vor Mitternacht zurückziehen.

Wohl nur wenigen Europäern ist es gelungen, in das In­nere des unverletzlichen Harchm einzudringen. Daß die Aus­stattung ganz dieselbe, wie im Diwahn, oder etwas reicher ist, kann Jeder, der ein leerstehendes arabisches Haus besucht, beur­theilen. Aber dann fehlt ja das Leben oder das, was der Türke eigentlich mit dem Worte Harchm*) bezeichnet: die Frauen. Gerade weil er für den Fremden unzugänglich ist, denkt man sich daö Leben in ihm ganz anders, als es der Fall sein muß; die Phantasie baut ihre kühnsten Gebilde nur in den unS unbekannten Orten auf. Was ich von dem Treiben im Harehm hörte, ist nicht geeignet, unsere gewöhnlichen Begriffe davon zu rechtfertigen. Wir Männer denken uns da gern einen Garten, in welchem die lieb­lichsten Blumen üppig emporblühen; wir denken uns die schönsten Georgierinnen mit den schönsten Frauen anderer Völkerschaften ver­einigt und bemüht, dem Priester dieses Hciligthums die sinnlichsten Genüsse zu bereiten; die Frauen bedauern ihre armen gefangenen Mitschwcstcrn, den Mann verachtend, welcher sein Herz unter die Legion der eingesperrten Schönen vertheilt und stets wankclmüthig, eine einzige von ihnen eine Zeit lang liebend, bald seine Neigung einer anderen zuwendet. Weder der eine, noch der andere Theil hat dabei die goldene Mittelstraße betreten.

Sehr viele Mahammedancr haben nur eine rechtmäßige Frau. Hat diese nun Dienerinnen oder Sklavinnen, so hat der Ehchcrr die Macht, letztere beliebig zu seinen Concubinen zu erheben. Jede Sklavin tritt in die Rechte der gesetzmäßigen Frau, wenn ihr daS Glück zu Theil wurde, ihren Herrn mit einem Kinde beschenken zu können. Dem ungeachtet genießt die Frcigcborne immer ein größe­res Ansehen, als die Frcigcwordcne; wie überall, wird auch in der Türkei auf gute Familie Rücksicht genommen. Daß alle Kin­der ein und desselben Vaters gleiche Rechte haben, ist ebenso recht, als billig; stets aber behandelt der eigene Vater das Kind seiner

) Wörtlichdas Unantastbare."