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Eine Orientreise / von Fr. Graf Th.-H. Mit 6 Tafeln in Farbendruck und 86 Textabbildungen von Ludwig Hans Fischer und Gust. Schmoranz
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Bei Keneh landeten wir. Esel standen bereit, die rasch bestiegen, uns mit ihrem hurtigen Schritt nach einer halben Stunde zu dem Tempel von Dendera brachten. Dem Gotte Ilathor gewidmet, war hier eine der hervorragendsten Cultusstätten dieses Gottes, dieses Symbols des vergötterten Weltalls.

Schon um 3ooo v. Chr. stand der Tempel; als er verfiel, erbaute ihn Tutmos III. um 1600 v. Chr. nach Plänen des Königs Cheops von Neuem. Doch auch dieser Bau fiel der Zeit zum Opfer, und so entstand denn genau nach den alten Formen dieses Ileiligthum unter den letzten Ptolemäern und den ersten römischen Kaisern und wurde erst von Trajan vollendet. Dank dieser späten Bauzeit ist der Tempel vor­trefflich erhalten und bietet dem Reisenden ein äusserst lehrreiches Bild eines ägyptischen Heiligthums. Eine grosse Vorhalle (Pronaos) mit 24 mächtigen Säulen, die mit je vier Hathormasken geschmückt sind, auf denen sich kleine Tempelchen als Capitäle erheben: sehr merkwürdig und nett gearbeitet, bedeuten sie doch offenbar den Verfall der Kunst, die zur Künstelei wird. An den Pronaos stösst eine auf sechs Säulen ruhende, mit Seitengemächern flankirte HalleFestsaal ihrer Heiligkeit, hieran der kleine Saal des Opfertisches. Zwischen diesem und dem Allerheiligsten, dem Adytum, lag noch der Mittelsaal. Das Adytum ist ein Gebäude für sich im grossen Raume. Ein breiter Gang läuft um ihn herum, gegen welchen sich wieder eine Reihe von kleineren Gemächern öffnet, die verschiedenen gottes­dienstlichen Verrichtungen zu dienen hatten. Zwei Stiegen führen auf die Plattform, in deren nordwestlicher Ecke aber­mals ein kleines, zwölfsäuliges Tempelchen steht, in welchem eine der Hauptceremonien,das Anschauen der Sonnen­scheibe, gefeiert wurde. In unmittelbarer Nähe stehen noch