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Eine Orientreise / von Fr. Graf Th.-H. Mit 6 Tafeln in Farbendruck und 86 Textabbildungen von Ludwig Hans Fischer und Gust. Schmoranz
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und mehr, wenn nicht die Bestrebungen der letzten Zeit wieder auf die Blosslegung all dieser Schätze gerichtet wäre. Die Häuser in dem Tempelgebiete verschwinden nach und nach, die Schuttmassen werden langsam entfernt; der Tempel soll bis ans Ufer hin freigelegt werden.

Wie sich an beiden Ufern des Flusses nur die eine Stadt, Theben, erhob, deren Trümmer und Ueberbleibsel wir in den Tagen von 5. bis 7. Februar sehen sollten, so soll auch diese Beschreibung möglichst einheitlich sein, sich nicht ängstlich an die Reihenfolge des Gesehenen und Erlebten anschliessen; es war eine Art langer Tag, den wir durchleb­ten; diesem Eindruck soll sich auch das Tagebuch anpassen.

Die Beschreibung jeder Einzelnheit und das Versehen derselben mit Namen und Jahreszahl überlässt man ruhig bewährteren Federn.

Während Theben in ältester Zeit nur der Sitz von Gaufürsten war und selbst die sich von diesen ableitende XII. Dynastie (2460 v. Chr.) ihren Aufenthalt in Mittel- ägypten bei Beni Hassan nahm, hat erst das sogenannte neue Reich, 1650 v. Chr. beginnend, Theben zur Hauptstadt gewählt, und die hervorragendsten und siegreichsten Herr­scher hatten hier ihre Residenz. Unter ihnen entstand, nach und nach sich erweiternd, jene Stadt, die wie griechische Dichter sagen hundertthorig war und 3 Millionen Ein­wohner zählte, darunter 1 Million Krieger, denn aus jedem Thore marschirten gleichzeitig 10.000 Mann aus. AVeit von einander liegen daher die grossartigen Ruinen und doch zum Theil wieder miteinander verbunden. Und an diese Riesenstadt, an den Sitz herrschender, siegreicher Macht schliesst sich, in die Felsen gehauen, die grossartigste Todten- stadt an: Felsengrab an Felsengrab, bergend die Leichen der Könige und der Würdenträger des Reiches.