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Der Riesentempel oder besser der Tempelcomplex von Karnak — denn es ist eine Reihe von zum Theile in einander gebauten Gotteshäusern — entbehrt in Folge dessen eines einheitlichen Charakters: haben doch zwei Jahrtausende an demselben gebaut.
Eine grosse Widdersphynx-Allee, jetzt arg- verstümmelt, verband ihn seinerzeit mit dem Tempel von Luksor, während auf der Westseite eine solche bis an den Nil führte und jenseits ihre Fortsetzung bis zum Tempel von Ivurna fand.
Riesige, über einander gefallene Granitblöcke von Kolossalfiguren Ramses’ II., von Obelisken, von dem Decken- gebälke, wie von den Mauern sind hoch aufgethürmt. Ein Erdbeben soll die Ursache des Einsturzes gewesen sein; doch neigt man jetzt mehr der Ansicht zu, dass das Grundwasser des Nil, durch Unterwaschung der Fundamente, dies Wunder der Baukunst in den jetzigen trümmerhaften Zustand versetzt hat. Doch mächtige Säulen mit Kelch- capitälen, zwei einzelne Obeliske und grossartige Mauern haben auch diesen zerstörenden Ursachen getrotzt. Sie weisen auf die Grösse der damaligen Zeit hin, sie führen uns siegreiche Schlachten Seti’s I. und Ramses’ II. vor. Der König bald streitend und auf dem Kriegswagen stehend, bald die Gefangenen alle bei einem Haarschopf haltend und sie den G öttern opfernd, Städte, die ihren Tribut entrichten, Heer- schaaren, die zu Wasser in fremde Länder ziehen, oder, siegreich zurückkehrend, von der Bevölkerung empfangen werden.
Der Tempel von Luksor — begonnen von Ameno- thes III., von Ramses II. vollendet — mit seinen zarten Bündelsäulen und Ivnospencapitälen, dann wieder mit den mächtigen, von wuchtigen Kelchen gekrönten Säulen, den vielen Standbildern Ramses’ II., dem Obelisk, dessen Bruder den Place de la concorde in Paris schmückt.