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Eine Orientreise / von Fr. Graf Th.-H. Mit 6 Tafeln in Farbendruck und 86 Textabbildungen von Ludwig Hans Fischer und Gust. Schmoranz
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unserer Wanderung hielten wir uns in der Kirche der heil. Anna auf. Eine sehr alte Kirche, nach Aussage des uns be­gleitenden Mönches aus dem 9. Jahrhunderte stammend, später von den Moslems als Schule benützt, vom Sultan der Kaiserin Eugenie geschenkt, wurde sie als Rohbau restaurirt. In ihrer Nähe fand man bei Grabungen das Wasser Bethesda, in dem die wunderbare Heilung des Gichtbrüchigen stattfand. Zahlreiche Säulenfragmente und Capitäle, die hier gefunden wurden, sind im Vorhofe der Kirche aufgestellt.

Eine schreckliche Nacht; es stürmte und regnete bei empfindlicher Kälte. Das Aufstehen am 9. März war un­schön, die Aussichten für den Tag schlechte; doch gegen y s 8 Uhr zerrissen sich die Wolken ein wenig, und so wurde denn das Lager abgebrochen und aufgeladen. Die Leute haben eine grosse Geschicklichkeit darin; es währt nicht lange und alle Zelte, das Gepäck und das nöthige Geräthe liegen auf dem Rücken der Tragthiere.

Heute wollten wir Jericho erreichen, wir hoffen von den Niederungen des Jordans wärmeres Klima. Wir gingen durch die Stadt zu Fuss. Beim Thore Bäb Sitti Marjam, wo St. Stephanus gesteinigt wurde, stiegen wir in das Thal Josaphat herab und besuchten vorerst die Grotte, in welcher die Jungfrau Maria vor ihrer Himmelfahrt bestattet war. Griechen und Armenier haben in der Grotte eine Kirche. Nebenan liegt der Garten Gethsemane. Er ist im Besitze der Franziskaner, die ihn sorgfältig pflegen. Ein Kreuzgang an der Mauer; in der Mitte die ehrwürdigen Oelbäume, unter welchen unser Heiland zu seinem himmlischen Vater flehte, während seine Jünger dem Schlafe nicht widerstehen konnten. Nun bestiegen wir die Pferde. Ein Beduinenscheik vom Stamme el-Wadiijeh war als Bedeckung an der Spitze unseres Zuges; die Beduinen des nahen Ortes Abudis haben das