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24. März. Wir hatten ursprünglich das Project, von hier über das Gebirge von Safed und Kedes in drei Tagen nach Banyas zu reiten. Unserem Dragoman kamen aber Nachrichten zu, dass die Gebirgswege durch die letzten Regengüsse dermassen ausgerissen wären, dass ein Fortkommen nahezu unmöglich sei. Wir beschlossen daher, uns im grossen Ganzen an das Jordanthal zu halten, und so brachen wir denn zeitig von Ain et-Tineh auf. Der Weg führt, um den grossen Umweg längs des Sees und des Jordans zu vermeiden, über einige Höhen mit scharfem Gerolle, aber trotzdem starker Vegetation dahin. Kalkstein, vorwiegend aber Basaltblöcke bedecken den Boden, dazwischen Blumen und Disteln in unglaublicher Grösse. Die Sonne brannte trotz der frühen Stunde des Aufbruches tüchtig auf uns herab. An einer sanften Lehne wurde eine Gazelle vor uns flüchtig, wir sprangen von den Pferden und hofften, sie von der Höhe aus vielleicht zu Schuss zu bekommen. Das Laufen in dem von Pflanzen bedeckten Gesteine war unmöglich, natürlich war die Gazelle nicht mehr zu sehen. Bei einem Khan der Brunnen Josefs, in welchen dieser von seinen Brüdern, der Sage nach, geworfen worden sein soll. Hier öffnen sich mehrere Wege. Wir wählen den mittleren; links geht es nach Safed, während rechts der Karavanenweg über den Jordan nach Damascus führt. Wir kommen durch angebautes Land; überall Araber bei der Arbeit. Ein jüdisches Dorf hoch auf der Lehne; wir passiren zuerst ein trockenes Flussbett, dann einen reissenden starken Bach, an dessen Ufer eine Beduinenfamilie ihr Mahl einnimmt. Letzter Blick auf den See Tiberias, den Tabor und Palästina; vor uns das Wasser Merom, der Hule- see und die nördlich gelegene grosse Ebene.
Eine mächtige Quelle entspringt aus dem Felsen und treibt gleich eine Mühle. Hier wurde Rast gehalten. Vieh-
Franz Graf Th., Eine Orientreise. 10