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Eine Orientreise / von Fr. Graf Th.-H. Mit 6 Tafeln in Farbendruck und 86 Textabbildungen von Ludwig Hans Fischer und Gust. Schmoranz
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169
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Thürme, um den schönen Ausblick zu gemessen. Das ganze Castell würde bei uns Ruine heissen. Hier aber, wo die Leute gerade so gut im Freien wohnen, ist es immer noch eine gute Kaserne. Die Schildwachen, welche sich, wenn sie auf ihrem Platze von der .Sonne stark beschienen werden, gegenüber in den Schatten der Häuser stellen, erwiesen uns militärische Ehrenbezeigungen, da der uns vorschreitende Consulats- kawass unser Ansehen wesentlich steigerte. Der Vali (Statt­halter) von Damaskus, Nazif Pascha, ein wohlbeleibter alter Herr, tritt aus dem Regierungsgebäude; es ist Nachmittag, die Amtsstunden sind vorbei; er begibt sich nach seiner Wohnung in der Vorstadt Salihije. Seine Excellenz machen noch ein Stück Weges zu Fuss, es ist dies gewiss seiner Ge­sundheit sehr zuträglich. Eine Schaar von Beamten begleitet in respectvoller Haltung den Chef. Bei der Brücke über den Barada wird der Wagen vorgerufen. Der Gewaltige steigt ein. Zwei Tscherkessen seiner Garde, das gespannte Gewehr auf das Bein aufgestützt, traben vor den alten Schimmeln her, die den Vali ziehen. Ein Officier folgt dem Wagen. Hoffent­lich ruht sich der Gouverneur gut aus für die morgige Arbeit. Der hiesige Posten soll sehr einträglich sein und verschiedene frühere Valis sollen ein stattliches Vermögen gesammelt haben, wird doch fast jede Anstellung in der Türkei erkauft. Der jetzige Statthalter hat einen guten Ruf; er soll seine Stellung nicht missbrauchen, und dies wird anerkannt.

Da jagt ein Trupp Reiter mit lautem Geschrei auf den Platz und hält vor dem Postgebäude. Es ist die Post von Bagdad, welche zehn Tage unterwegs ist, soeben angelangt. Mehrere Maulthiere tragen die Briefe, eine Anzahl bewaff­neter Reiter treibt und begleitet sie. Alles drängt zum Post­gebäude, denn auch die europäischen Briefe sind heute an­gekommen; doch es vergehen drei bis vier Stunden, bevor