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Eine Orientreise / von Fr. Graf Th.-H. Mit 6 Tafeln in Farbendruck und 86 Textabbildungen von Ludwig Hans Fischer und Gust. Schmoranz
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199
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Nachmittags machten wir eine Fahrt zu Wagen. Durch die engen Gassen, welche zum Theile ganz furchtbar ge­pflastert sind, rollten wir zu dem Bethause der drehenden Derwische, die in Smyrna an Feiertagen und Sonn­tagen ihre Uebungen halten. Es war noch etwas zeitig, als wir hinkamen, und da wurden wir denn vom Oberpriester der Derwische in deren Empfangssalon gebeten. Mehrere vornehme Türken warteten bereits. Die Lage des Klosters auf halber Höhe über der Stadt ist prächtig. Nach kurzer Zeit wurden wir in das Bethaus geführt. Auf drei Seiten laufen Tribünen um den geschmacklos gemalten Saal. Auf und unter demselben sassen dichtgedrängt andächtige Türken; eine Seite ist verschallt, für Frauen reservirt, und ein Theil für zusehende Fremde. Auf der Südseite die Kibla, in welcher der Oberpriester auf einem Teppich sass. Zehn Derwische, von allen Altern, vom Greise bis zum etwa vierzehnjährigen Knaben, kauerten an der einen Wand. Sie tragen einen langen, von den Hüften herabfallenden weissen Rock, eine westenartige Jacke, darüber einen langen wallenden Mantel von verschiedenen Farben. Auf dem Kopfe die spitze Derwischmütze aus Kameelhaar; die des Oberpriesters war mit einem grünen Tuch turbanartig umwunden. Nun spricht der Oberpriester gesenkten Blickes mit erhobenen Händen ein Gebet, dem viele der anwesenden Türken mit grosser Andacht folgen. Das Gebet geht zu Ende; die Der­wische berühren den Boden mit der Stirne, dann fällt ein monotoner Gesang von einer Flöte begleitet ein. Feierlichen Schrittes gehen die Derwische um den Saal, ihr Oberpriester voran. Vor der Kibla wendet sich dieser um, verneigt sich gegen den folgenden Mönch; dieser erwidert den Gruss, um sich dann gegen seinen Hintermann zu verneigen u. s. w.; der Gruss wird gegen jede Weltgegend wiederholt.