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zurückkommen, dem Erdtheil der ältesten Cultur, der Wiege unseres Volksstammes? Vielleicht werden wir es von Con- stantinopel aus auf kurzem Ausflug noch einmal betreten; aber dann? Werde ich je nach Indien kommen oder auf der neuen Bahn von Russland aus ins Innere gelangen; werde ich das himmlische Reich der Zöpfe sehen und Japan mit seinem Streben nach Einführung europäischer Cultur? Das Reisen erweckt die Lust nach weiteren Reisen. Vielleicht erfasst sie auch mich wieder und führt mich noch weiter gegen Osten. Vorläufig kehren wir, befriedigt von dem Gesehenen, nach Europa zurück.
Fast dieganze Gesellschaft der „Minerva“ ist an Bord der „Iris“, darunter einige angenehme Wiener, deren unverfälschter Dialekt ganz heimatliche Gefühle erweckt. Bis Chios nahmen wir den Cours, den wir neulich bei Sturm und Hagel fuhren, doch erschien Alles im rosigen Lichte. Der Schnee ist von den Bergen verschwunden. In duftiger Beleuchtung liegt der Golf und heben sich die Berge vom Himmel ab. An dem östlichen Ufer wird Salz aus dem Meere gewonnen, und wie ein grosses, weisses Zeltlager sehen von Weitem die Salzhaufen aus. Der Golf erweitert sich; wir gewinnen das freie Meer. Die Insel Lesbos, dann Chios zur Rechten, links die anatolische Küste. Der Dampfer hält in Kastro für eine Stunde, dann nimmt er westlichen Cours an der Küste von Chios hin, zwischen dieser und einer schroff aus dem Meere steigenden kleinen Felseninsel. Die Nacht bricht ein. Unsere Wiener singen heimische Gebirgsweisen; sie jodeln vortrefflich. Die englische Miss sagt: „Oh how nice“ und die Französin findet: „C’estcharmant cet air tirolien“. DasMeerphosphores- cirt, tausend funkelnder Sternchen tauchen im Fahrwasser des Schiffes auf, sich auf der Oberfläche wiegend und verschwindend wie gespenstiger Spuk.