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Eine Orientreise / von Fr. Graf Th.-H. Mit 6 Tafeln in Farbendruck und 86 Textabbildungen von Ludwig Hans Fischer und Gust. Schmoranz
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Kleid des Bettlers: man schaue und schaue, doch lasse man das Beschreiben, man bringt es doch nicht zuwege.

Abends fuhren wir in die Agia Sofia; es war eine präch­tige Fahrt, alle Moscheen sind hell erleuchtet, die Minarets tragen an ihrer Spitze mehrfache Lichtreihen, während Koransprüche in Flammenschrift sich vom Nachthimmel aibheben. Tausende Rechtgläubige eilen in die Tempel, wo sie in langen Reihen stehend dem lauten singenden Gebete des Iman folgen, wie auf Commando in die Knie sinken, den Boden mit der Stirne berühren und sich wieder erheben.

Man wird als Fremder nicht in den Tempel eingelassen; von der Galerie aus sieht man zu. Die Kirche schwimmt in Licht. Die Lampen der Kronleuchter bilden dichtgedrängt feurige Reifen im Dunkel des Raumes; Galerie und Gesimse sind in Flammen, in den Kuppeln ist Lampe an Lampe, die Kreise und Bögen bezeichnend, unter dem blendenden Scheine im Schatten der Nacht die betende Menge, das Auge dringt kaum durch das Licht, oben die goldenen Mosaiken, den Schein reflectirend. Vorn die recitirende Stimme des Priesters, wechselnd mit monotonem Gesang.

Wenn der Ramasan auch für manche Besichtigung störend ist, diesen grossartigen Anblick hat man hinwiderum nur in diesem Monate des Fastens und Betens.

4. Mai. Ueber die neue Brücke bei hellem Tage nach Stambul, dem eigentlich türkischen Stadttheile. Hier, wo einst römische und byzantinische Herrschaft Wunder der Baukunst errichtete, hat auch der Türke seit drei Jahrhunderten gewirkt, geschaffen und zerstört, alte christliche Kirchen seinem Glauben angepasst. Hier ist diehohe Pforte, das Seras- kierat (Kriegsministerium) mit dem hohen Thurme; hier das alte Serai, die frühere Residenz der siegreichen Sultane, der Aufbewahrungsort der Schätze; die grosse Platane, unter