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Die Groß-Industrie Oesterreichs : Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Österreichs 1898 ; Vierter Band
Entstehung
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Die Anzahl der in der Fabrik selbst thätigen Arbeiter die durch Factoren während des Bestandes der Fabrik lange Zeit beschäftigten Handweber konnten nicht mitgezählt werden hat sich von ursprünglich 60 auf beiläufig 700, mit Einschluss der Weber, gehoben.

Diese Zahl umfasst 390 männliche und 310 weibliche Arbeiter. Die weiblichen Arbeitskräfte überwiegen in der Weberei, da in derselben von insgesammt 414 Arbeitern 230 weiblichen Geschlechtes sind. Der Beschäftigung nach sind in der Appretur und Färberei 170, Weberei 414, Druckerei 82, Formenstecher ei 19, Schlosserei 8, Tischlerei 7 Arbeiter in Verwendung.

Für die Arbeiter wurde im Jahre 1885 eine Ivrankencasse gegründet, die 1888 nach dem Gesetze für Kranken­versicherung der Arbeiter in eine »Betriebs-Krankencasse der Firma Blaschka & Comp.« umgewandelt worden ist. Dieses wohlthätige Institut hat seit seinem Bestehen bis Ende 1897 für Krankenunterstützungen, Medicamente und ärztliche Hilfe den Betrag von 20.992 fl. verausgabt und während derselben Zeit einen Reservefond von 5900 fl. angesammelt.

Für die Unfallversicherung der Arbeiter sorgt die Firma allein. Alte, invalide Arbeiter werden von der Firma unterstützt.

Die städtische Wasserleitung ist von der Firma in die Fabrik geführt worden und versorgt die Arbeiter mit vorzüglichem Trinkwasser.

Die Arbeiter stellen eine freiwillige, von der Firma ausgerüstete Fabriksfeuerwehr, die von Beamten der Fabrik geleitet wird und mit der städtischen Feuerwehr in Verbindung steht.

Die ursprünglich 2opferdige Dampfmaschine hat zweien von zusammen 120 Pferdekräften, der bestandene Dampfkessel einer Zahl von 6 Dampfkesseln weichen müssen. 500 Webstühle liefern heute die Waaren, welche in der eigenen Druckerei, Färberei und Appretur fertig bis zum Verkauf, den die Niederlagen in Wien und Prag be­sorgen, hergestellt werden.

Mit Handstühlen hat die Weberei, respective das Unternehmen begonnen, die Waaren zu weben, um jetzt zu diesem Zwecke nur noch mechanische Webstühle, welche im Laufe der Jahre viele Verbesserungen erfahren haben, zu verwenden. Selbst die Jacquard-Weberei wird, wie das Bild an der Spitze dieser Monographie zeigt, mit mechanischen Webstiihlen betrieben. Die ausschliessliche Verwendung der mechanischen Webstühle, welche in ihrer frühesten Construction manche Mängel aufwiesen, hat viel Lehrgeld gekostet. Man hat seither gelernt, auf mecha­nischen Stühlen die feinsten und schwersten Waaren tadellos herzustellen und erzeugt mit dem mechanischen Stuhl in derselben Zeit drei- bis viermal so viel, als mit dem Handstuhl..

Die früher sehr einfache Appretur wird in neuerer Zeit complicirter, da fast jeder Stoff eine andere Be­handlung erfordert, um entsprechend den verwendeten Garnen auch das aus demselben zu erzielende vollkommenste Stück Waare zu erlangen.

Das Färben und Drucken der Stoffe wird heute zumeist mit Anilinfarben vollzogen, während beim Beginne unserer Fabrication die Farben aus vegetabilischen und animalischen Stoffen (Farbhölzern, Cochenille etc.) gewonnen wurden. Diese alte Methode war schwieriger als die heutige Färberei, aber die alten Farben waren dauerhafter. Heute liebt man den rascheren Wechsel in der Mode und für diesen sind die herrlichen, aus dem Steinkohlentheer erzeugten Farben wie geschaffen.

Die Musterkarte der von der Fabrik seit ihrem Bestände erzeugten Waaren ist eine reichhaltige. Im Anfänge wurden aus englischen harten Garnen, sogenannten Wefts, gewebte Waaren, Merinos, Orleans und Lastinge, welche ihre Gangbarkeit noch heute nicht vollständig eingebüsst haben, gedruckte Circastücher, Thibettücher, sclrwarze Orleanstücher und Damasttücher, Wollatlas (Italian-Cloths), später halbwollene Stoffe (Alepins) mit weichen, sogenannten Kammgarnen erzeugt und heute werden neben allen diesen Artikeln, die jedoch nur noch eine kleine Rolle spielen, hauptsächlich ganzwollene Damenkleider- und Confectionsstoffe angefertigt. Die halbwollenen Orleans, welche einen schönen glanzreichen Stoff abgaben, haben sich rasche Verbreitung errungen und sind von uns, namentlich in schönem Schwarz, zu hunderttausenden von Stücken erzeugt worden. Sie haben durch Jahrzehnte die Mode beherrscht und waren zum Bedarfsartikel geworden, aber der Umschwung in den Siebzigerjahren hat sie ver­drängt. Heute huldigt die Menge den weichen, matten, eine mannigfaltige Musterung zulassenden Kammgarnstoffen.

Neuestens versucht man mit Erfolg die glänzenden harten Garne, wie Mohair und Lustre-Weft, in gemischten Geweben mit Kammgarn zu verwenden.

Früher, zur Zeit der Orleans man kann diese Epoche in unserer Fabrication wirklich so benennen waren zumeist glatte Stoffe beliebt und demnach die Fabrication eine leichtere, während jetzt mehr gemusterte Ge­webe in den mannigfaltigsten Zusammenstellungen den Weber auf eine harte Probe stellen und sein Können und Wissen unausgesetzt in Anspruch nehmen.

Von der zu Beginn des Unternehmens betriebenen Erzeugung vorwiegend halbwollener Stoffe wurde wegen der seither eingetretenen Verbilligung der Wolle zu der jetzt vorwiegenden Wollwaaren-Fabrication übergegangen. Diese Umwandlung hat sich nicht nur bei uns, sondern allgemein als nothwendig ergeben und ist von grosser Bedeutung für die Entwickelung der österreichischen Textil-Industrie gewesen, weil das billige Rohmaterial, die auf den australischen und südamerikanischen Weideländereien massenhaft gewonnene Schafwolle, zu weitausgedehnter Verarbeitung die Veranlassung gegeben hat. Die Erweiterung schon bestandener und die Gründung neuer Kamm­garnspinnereien in Oesterreich und Deutschland, sowie die grosse Masse der überseeischen Wolle, welche jährlich zu hunderttausenden von Ballen in London verauctionirt wird und in England allein nicht untergebracht werden konnte, haben die bis 1870 bestandene Vorherrschaft der englischen Wollwaaren-Industrie bedeutend eingeschränkt. Dazu haben aber auch die grossen technischen Erfahrungen und Fortschritte, welche in der heimischen Fabrication erzielt wurden, wie nicht minder die unsere heimische Production schützende Zollpolitik wesentlich beigetragen.

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