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Die Groß-Industrie Oesterreichs : Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Österreichs 1898 ; Vierter Band
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hatten wiederholt gänzliche Geschäftsstockungen zur Folge, die sich oft um so drückender fühlbar machten, als Curs- calamitäten, sowie Yalutaentwerthungen einerseits, und ungünstige Conjuncturen in Garnen etc. andererseits nicht leicht zu überwindende Geldkrisen im Geschäftsverkehre hervorriefen. Trotzdem musste fortgearbeitet werden, damit die Arbeiter ihr Brod behielten, und nur eiserne Thatkraft, verbunden mit deutscher Zähigkeit und einem festen, ehrenhaften Charakter Hessen alle Hindernisse glücklich überwinden und das junge Unternehmen nur um so fester stehend daraus hervorgehen. Selbst ein grosser Brand im Jahre 1872, welcher den grösseren Theil der Gebäude zerstörte, konnte die Fabrication wohl vorübergehend hemmen, aber ihr immer kräftigeres Aufblühen nicht hindern.

Die beständige Ausdehnung des Geschäftes veranlasste 1862 die Aufstellung der ersten 32 mechanischen Web­stühle; ausser den bisherigen Artikeln zog man nun auch Tücher mit Stickerei in den Bereich der Fabrication, zu deren Erzeugung in grösserer Menge im Erzgebirge eine Stickerei-Filiale mit über 400 Handstickern errichtet wurde. Diese Gründung erwies sich bei der damals im ganzen Erzgebirge herrschenden Noth für die dortige arme Bevölkerung als von besonders segensreicher Wirkung. 1863 stieg die Anzahl der mechanischen Webstühle in Heinersdorf auf 100 und 1874 auf 500. Das Exportgeschäft nach Central- und Südamerika nahm einen nie geahnten Aufschwung, weil das Etablissement gerade die in jenen Ländern gangbaren und eigenartigen Bedarfsartikel, wie bedruckte Thibettücher, buntgewebte und bedruckte Langwaare, Cachemirs, mexikanische Reitermäntel, Ponchos, Zarapes u. s. w. mit besonders gutem Geschmacke herstellte, und sich dadurch einen Weltruf erwarb. Die genannten Erzeugnisse bildeten sich zu Specialartikeln der Firma E. Heintschel & Co. heraus und wurden aus Oesterreich nur von ihr nach jenen Ländern exportirt.

Die tüchtige, umsichtige Leitung beschränkte das Exportgeschäft aber nicht auf Amerika allein, sondern zog auch Ostindien und vor allen Dingen Russland, wohin sich um das Jahr 1867 ein bedeutendes Geschäft zu entwickeln begann, in ihren Wirkungskreis, so dass sie von der damals schon sehr bedeutenden Production über zwei Drittel exportirte

und nur etwa ein Drittel im Inlande absetzte. Es gelang der strebsamen Firma, der grossen aus­ländischen Concurrenz überall erfolgreich die Spitze zu bieten, dadurch fremdes Geld ins Land zu bringen und so an der Hebung des Nationalwohlstandes, wie auch der einheimischen Industrie einen wesentlichen Antheil zu nehmen.

Die Firma besitzt derzeit eigene Nieder­lagen in Wien, Prag und Budapest, ferner Ver­tretungen in Hamburg, Bremen, London, Paris, Mailand, Neapel, Palermo, Madrid, Barcelona, Moskau, St. Petersburg, Constantinopel, Kairo, Kopenhagen, Amsterdam, Bukarest, sowie in Christiania.

Nachdem Felix Heintschel schon im Jahre 1879 durch kaiserliche Huld mit dem gol­denen Verdienstkreuze ausgezeichnet worden war, Fabriks-Niederlage in Wien. wurde er 1883 für seine Verdienste um die ein­

heimische Industrie und für sein patriotisches Verhalten während der preussischen Invasion 1866 von Sr. Majestät dem Kaiser in den erblichen Adelsstand mit dem Prädicate »Edler von Hein egg« erhoben.

Im Jahre 1880 nahm Felix Heintschel Edler von Heinegg seine vier Söhne, Franz, Maximilian, Felix und Oskar, welche schon seit längerer Zeit im Geschäfte thätig gewesen waren, als Compagnons auf und erbaute mit ihnen 1884 die auf 1000 Stühle eingerichtete mechanische Weberei Bärnsdorf, deren Websaal, im Aus- maasse von über 4200 Quadratmeter, eine der grössten Arbeitsstätten im Lande ist. Die Aussenansicht des Bärns- dorfer Etablissements zeigt die Abbildung an der Spitze dieses Aufsatzes.

1890 trat der Senior und Gründer der Firma aus dem Geschäft und seine vier Söhne führen es getreu den vom Vater überkommenen ehrenvollen Traditionen weiter. Ihrem rastlosen Eifer gelang es, keinen Stillstand ein- treten zu lassen, sondern das Etablissement auf die heutige Grösse und Bedeutung zu bringen.

Die Fabriken Heinersdorf, deren Bild das beiliegende Kunstblatt wiedergibt, und Bärnsdorf beschäftigen in der Weberei, Druckerei und Formstecherei, Färberei und Appretur, Stickerei und Franserei, sowie Armeewäsche- Erzeugung über 1500 Arbeiter und ausserdem noch einige Hundert auswärtige Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Fabriken, welche schon seit mehreren Jahren elektrische Beleuchtung besitzen, sind mit den neuesten Maschinen, Werkzeugen und Wohlfahrts-Einrichtungen ausgestattet und entsprechen in hygienischer wie technischer Beziehung den strengsten Anforderungen der Neuzeit. Die Arbeiter wohnen zumeist in eigenen Häusern in Heinersdorf und Bärnsdorf und nur ein Theil in den benachbarten Ortschaften Dittersbächel, Wünschendorf, Rückersdorf und Bullen­dorf. Die Fabriken haben niemals, auch nicht in den schlechtesten Geschäftsperioden, stille gestanden, sondern dann mit Rücksicht auf ihre Arbeiter auf Lager gearbeitet, welches allerdings manchmal einen bedeutenden Umfang annahm. Das wissen aber auch die Arbeiter zu schätzen, unter denen sich mehrere decorirte Jubilare und eine grosse Anzahl Veteranen der Arbeit, welche von Jugend auf in den Fabriken beschäftigt sind, befinden.

Das sehr gute Einvernehmen zwischen Chefs und Arbeitern hat noch niemals eine Störung erlitten; letztere suchen im Gegentheil durch treue Anhänglichkeit dafür zu danken, dass unter ihnen ein gewisser Wohlstand und behagliche Verhältnisse herrschen, von denen die Sauberkeit ihrer Wohnungen beredtes Zeugnis gibt.

Mfifar

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