brannte es bis auf wenige Häuser, in den Jahren 1757, 1804 und 1811 zu einem sehr grossen Theile ab. Nur langsam und schwer erholte sich die Stadt von diesen Schicksalsschlägen. Im Jahre 1834 umfasste sie 379 Häuser mit 2430 Einwohnern und im Jahre 1846 470 Häuser mit 2980 Einwohnern. Ueberdies herrschte in der Gegend drückende Armuth, und in den Jahren, in welchen die Kartoffel, das Hauptnahrungsmittel der Leute, missrieth, trat die Hungers- noth mit allen ihren Gräueln' ein. Zahlreiche Bewohner mussten in solchen Zeiten zum Bettelstäbe greifen und die mildthätige Hilfe der benachbarten deutschen Grenzbewohner in der Lausitz und in Schlesien anrufen.
Wie gewaltig haben sich in der kurzen Spanne Zeit seit Mitte dieses Jahrhunderts die Verhältnisse daselbst geändert! Heute weist Neustadtl bereits 735 Hausnummern mit etwa 5000 Einwohnern auf. In den letzten 15 Jahren allein sind 250 neue Häuser erbaut worden, so dass die Stadt für Denjenigen, der sie vor 20 oder 30 Jahren gesehen, gar nicht zu erkennen ist. Im Jahre 1763 betrugen die Einnahmen für den städtischen Aufwand 366 fl., im Jahre 1854 TÖ24 fl, im Jahre 1897 aber bereits 35.859 fl. Die im Bezirke gegründeten beiden Sparcassen sind
in 30 beziehungsweise 25 Jahren zu einem gesammten Einlagecapital von 12 Millionen Gulden gelangt.
Dieser Umschwung ist dem industriellen Unternehmen zu danken, welches sich unter der Firma lg. Klinger im Laufe von etwa 60 Jahren aus kleinen Anfängen zu hervorragender Bedeutung entwickelt hat. Der Gründer der Firma, Ignaz Klinger, entstammt einer alten Weberfamilie, die ursprünglich in der Rumburger Gegend ein Leinenwebereigeschäft betrieb und dieses später durch Errichtung einer Zweigniederlassung in Dittersbach bei Friedland auch auf den Bezirk Friedland ausdehnte. Ig. Klinger musste sich jedoch, nachdem seine älteren Brüder das väterliche Geschäft in Dittersbach übernommen hatten, einen eigenen Erwerb suchen. Er trat bei der Baumwollweberei von C. E. Blumrich in Friedland in Stellung und hatte in kurzer Zeit durch seine Fachkenntnis und Pflichttreue das Vertrauen seines Chefs in dem Maasse erworben, dass ihm die Leitung mehrerer Factoreien anvertraut wurde. Unter diesen Factoreien befand sich auch Neustadtl, welches bald der Stammsitz eines neuen Unternehmens werden sollte. Der Chef der Firma C. E. Blumrich starb plötzlich, die Firma trat nun in Liquidation. Mehrere grosse Garnhändler in Zittau, welche mit der Firma in reger Geschäftsverbindung gestanden waren und in diesem Verkehre die ausserordentliche Tüchtigkeit Ig. Klinger’s kennen gelernt hatten, ermuthigten ihn, sich selbstständig zu machen, und stellten ihm zu diesem Zwecke einen grösseren Credit in Aussicht. Unter diesen Umständen kaufte er nun im Jahre 1839 i n Neustadtl ein Haus und richtete auf eigene Rechnung die Erzeugung von rohen Baumwollgeweben ein. Mit grösstem Eifer gieng er an die Vergrösserung seines Absatzes; er beschränkte sich nicht auf die bisherigen ihm bekannten Kunden der Firma C. E. Blum- •rich, die Kattunhändler in Prag, sondern offerirte seine Erzeugnisse den eigentlichen Consumenten, den grossen Baum- wolldruckereien von Franz Leitenberger in -Cosmanos, Pfibram, Porges u. s. w. in Prag. Er verlegte sich auf die Erzeugung feinerer Gewebe, wie Chaly, Battiste u. s.w. Damit wuchs die Erzeugung derart, dass bereits im Jahre 1844 ungefähr 600 bis 700 Hausweber beschäftigt .waren.
Durch die rasche Entwickelung der mechanischen Weberei in der Baumwollbranche entstand Ende der •Vierzigerjahre, namentlich in den lohnenderen feineren Artikeln, eine Concurrenz, gegen welche die Hausweberei nur schwer ankämpfen konnte. Eine bessere Aussicht eröffnete sich dagegen in der Halbwoll- und Wollwaarenweberei. Zu dieser Zeit wurde , von mehreren Firmen des nördlichen Böhmens die Erzeugung von Orleans eingeführt, eines Halbwollstoffes, der bisher von England bezogen worden war. Die grossen Firmen Joh. Liebieg & Co., F. Schmitt, •Franz Liebieg, Blaschka &.Co. u. s. W. errichteten Färbereien und Appreturen zur Herstellung dieses Artikels; die Rohwaare hiezu wurde jedoch' von Factoreien geliefert, welche sie durch Hausweber auf Hand- und Regulator- .stühlen weben liessen. In ähnlicher Weise deckten diese Firmen ihren Bedarf an Rohwaaren für ihre damals schon bedeutende fabriksmässige Erzeugung von gefärbten Merinos, Lastings, Thibets, Orleanstüchern und bedruckten Thibettüchern, Cachemire und Mousselins. Ig. Klinger machte sich diese günstige Conjunctur zu Nutze, trat auch mit diesen Firmen in geschäftliche Verbindung und lieferte für dieselben Orleans, Orleanstücher, Thibets und Cachemire. Er trat weiters in geschäftliche Verbindung mit den Wiener Wolldruckfabriken und versendete seine Rohwaare sogar an ausländische Firmen, wie Köchlin & Baumgartner in Loerrach, Brumm & Nagler in Gera u. s. w. Das mit Deutschland bestehende Appreturverfahren ermöglichte es, mit Vortheil die rohen Gewebe zur weiteren Herrichtung und späteren Wiedereinfuhr an die deutschen Fabriken abzugeben. Mit dieser stetigen Erweiterung des Absatzes wuchs naturgemäss auch die Zahl der Arbeitskräfte. Schon Mitte der Fünfzigerjahre standen circa 1500 Weber im Dienste der Klinger’schen Unternehmung. Im Jahre 1862 wurde ein eigenes grosses Webereigebäude errichtet, in welchem circa 500 Regulatorstühle und Jacquardstühle aufgestellt wurden.
Unterdessen hatte der mechanische Webstuhl seinen Siegeszug durch die ganze Textil-Industrie vollendet. Engländer, Franzosen,’ Deutsche und auch Oesterreicher waren in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts unablässig bemüht, die Construction des mechanischen Stuhles zu verbessern und allen Zweigen der Textil-Industrie anzupassen.
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