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Die Groß-Industrie Oesterreichs : Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Österreichs 1898 ; Vierter Band
Entstehung
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159
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Während man anfangs nur baumwollene, und zwar glatte Stoffe auf demselben fabriciren konnte, gieng man allmählich zur Verwendung für Wolle, Seide und Leinen über und schuf auch Vorrichtungen zum Weben gemusterter Zeuge und des Sammtes, so dass schliesslich kein Zweig der Weberei mehr existirte, in dem sich der mechanische Stuhl nicht eine dominirende Stellung erworben hätte. Ig. Klinger sah, dass auch die halb- und ganzwollenen Artikel von mehreren Wollwaarenfabriken auf mechanischen Stühlen hergestellt wurden. Angesichts dieser Concurrenz und in richtiger Erkenntnis der künftigen Bedeutung des mechanischen Webstuhles bahnte Ig. Klinger den allmählichen Uebergang vom Handbetrieb zum mechanischen Betrieb an. Die Fabrik wurde vergrössert und im Jahre 1868 gelangten zunächst 50 mechanische Stühle zur Aufstellung. Im Jahre 1869 kamen weitere 100 Stühle an die Reihe und nunmehr wurde fast jedes Jahr eine gewisse Anzahl von Handstühlen gegen mechanische Webstühle ausgewechselt. Eine kräftige Unterstützung fand Ig. Klinger bereits an seinen beiden ältesten Söhnen Oscar und Edmund, von denen der erstere zum praktischen Kaufmann, der letztere zum Weber ausg'ebildet worden war. Die Lehren und Erfahrungen, welche sich die beiden Söhne gelegentlich ihrer Studien und Reisen im Auslande angeeignet hatten, ermöglichten es, dass sich das Etablissement auch jenen besseren und feineren Wollartikeln zuwenden konnte, welche als Modewaaren von Roubaix, Reims, theilweise auch von Gera und Greiz auf den Markt gebracht wurden. Unter Benützung des bereits erwähnten Appreturverfahrens liess Ig. Klinger die Waaren in Gera und Reichenbach i. S. färben und appretiren und verkaufte sie nach deren Wiedereinfuhr an die Engrossisten in Wien, Pest und Prag.

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In Oesterreich gab es damals keine Lohnfärbereien und Appreturen für derartige feine Modestoffe, weshalb die Rohwaare ins Ausland gieng. Die Aufhebung des Appreturverfahrens war jedoch nur eine Frage der Zeit, und thatsächlich verordnete die Regierung am 31. December 1879, dass Gewebe, die zum Bedrucken oder Färben aus­geführt werden, nur bis zum 16. Februar 1880 zollfrei wieder eingehen können; von diesem Zeitpunkte an wurden sie bei der Wiedereinfuhr einem Zolle unterworfen, so dass der Veredlungsverkehr mit Deutschland ganz aufhörte. Ig. Klinger hatte gleich bei Errichtung seiner mechanischen Weberei auch an die Schaffung einer Färberei gedacht und bereitete nun die Durchführung seiner Absicht dadurch vor, dass er den dritten Sohn Otto mar, nachdem derselbe das Polytechnicum zu Frankenberg absolvirt hatte, in die besten und grössten Färbereien Deutschlands, Frankreichs und Englands behufs praktischer Ausbildung in diesem Zweige der Textil-Industrie hinaussandte.

Die Leitung des industriellen Unternehmens von Ig. Klinger war nun in richtig vorbereiteter Weise an die drei Söhne vertheilt. Oscar war für die commerzielle Leitung, Edmund durch Absolvirung der Webschule in Chemnitz für die Weberei und Ottomar für die Färberei und Appretur bestimmt. Die Grundlagen des Unternehmens waren nach jeder Richtung gesichert, als Ig. Klinger mitten in seiner rastlosen Thätigkeit im rüstigen Mannesalter durch eine tückische Krankheit dahingerafft wurde. Am 28. Juni 1871 schloss er die Augen für immer. Das Etablissement über- gieng zunächst an die beiden ältesten Söhne, da der jüngste noch in Frankreich seinen praktischen Studien oblag.

Nun kamen freilich schwere Zeiten über die jungen Chefs. Die Krisis des Jahres 1873 schlug Handel und Industrie in Oesterreich tiefe Wunden. Die industriellen und überhaupt alle wirthschaftlichen Unternehmungen eines Landes sind die Glieder einer grossen Kette, welche durch tausende von sichtbaren und unsichtbaren Fäden mit einander verbunden sind. Wird ein Glied zertrümmert, so werden auch die übrigen Glieder in Mitleidenschaft