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Die Groß-Industrie Oesterreichs : Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Österreichs 1898 ; Vierter Band
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gezogen, und es bedarf grosser Umsicht und eines soliden Fundamentes, um solche Krisen zu überdauern. Die Krisen sind somit ein harter Prüfstein der Prosperität.

Die grosse Zahl .von Fallimenten, welche sich aus der Krise 1873 als unabwendbare Folge ergab, zog gleichfalls weite Kreise und traf natürlich auch die Firma lg. Klinger, die in ihrer Branche eine so aus­gedehnte Geschäftsthätigkeit entwickelt hatte. Die Chefs Hessen sich dadurch trotzdem nicht beirren und begannen noch im Jahre 1875 mit dem Baue einer Färberei und Appretur. Da kam ein neuer Schlag, indem im April 1876 das grosse Webereigebäude gänzlich niederbrannte. Auch das entmuthigte sie nicht. Sofort wurde mit dem Wiederaufbau begonnen und noch im Herbste desselben Jahres kamen die ersten Stühle wieder in Gang. Bald darauf kehrte der jüngste Bruder von seinen Studienreisen zurück, trat als Mitchef in die Firma und übernahm die Leitung der Färberei und Appretur, die in­zwischen nach seinen Angaben mit den neuesten Maschinen ausgerüstet worden war. Von nun an wurden die von der Firma gewebten Waaren in der eigenen Fabrik gefärbt und appretirt und erwarben sich durch die Schönheit der Farbe, sowie durch die ausgezeichnete Appretur eine grosse Beliebt­heit; sie gaben darin den deutschen und französischen Erzeug­nissen nichts mehr nach. Diese Erfolge eiferten auch andere ältere Firmen an, ihre Färbereien und Appreturen auf die Erzeugung dieser Artikel umzuwandeln, und so kam es, dass in wenigen Jahren die bisher von Frankreich und Deutschland bezogenen stückfärbigen reinwollenen Mode- waaren vom heimischen Markte verdrängt wurden.

In den Achtzigerjahren begünstigte die Mode auch Stoffe aus Kammgarn für die Damenmäntel-Confection, welche bisher ebenfalls hauptsächlich von Deutschland und Frankreich bezogen wurden. Die Firma lg. Klinger richtete nun ihre Fabrication auch auf diese Artikel ein und erzielte damit einen neuerlichen Erfolg. Aus diesem Fabricationszweige entwickelte sich schliesslich auch die Erzeugung von Kammgarnstoffen für die Herrenconfection, welche die Firma gegenwärtig in schwunghafter Weise betreibt.

Die Beschaffung der zu dieser mannigfaltigen Fabrication nöthigen Specialgarne wurde immer schwieriger. Die meisten derartigen Garne mussten aus dem Auslande bezogen werden; unpünktliche Lieferungen der Spinnereien, sowie überhaupt die Schwierigkeiten des Bezuges eines unumgänglich nothwendigen Halbfabricates aus dem Aus­lande verursachten oft Störungen in der Erzeugung und Annulirungen gegebener Ordres. Die Firma lg.

Klinger entschloss sich deshalb, eine eigene Kamm­garnspinnerei für Specialgarne zu errichten. Mit dem Baue dieser Spinnerei wurde im Jahre 1886 in Jung- bunzlau begonnen. Bereits im Jahre 1881 hatte die Firma die ehemals Franz Hiller gehörige Fabrik in Jung- bunzlau, bestehend aus mechanischer Weberei, Färberei,

Appretur und Wolldruckerei, käuflich erworben, dieselbe bedeutend vergrössert und mit den neuesten maschi­nellen Einrichtungen versehen. Bei Uebernahme der Fabrik wurden in dem Jungbunzlauer Etablissement von Franz Hiller circa 150 Arbeiter beschäftigt, während heute daselbst circa 1300 Arbeiter ihren Verdienst' finden.

Gerade in dieser rapiden Entwickelung erlitt die Firma einen grossen Verlust. Der Mitchef Edmund Klinger, der die Weberei auf jene hohe Stufe der Vollendung gebracht hatte und dessen Fachkenntnisse durch die Ernennung zum Inspector der österreichischen Webschulen auch ihre Anerkennung gefunden hatten, starb am 3. December 1883. Die gesammte Leitung des Etablissements verblieb nun den beiden überlebenden Brüdern.

Das bisher von der Firma festgehaltene und vom wirthschaftlichen Standpunkte aus gewiss richtige Princip, den Vertrieb der Erzeugnisse dem Zwischenhandel zu überlassen, erlitt einen argen Stoss. Die Verminderung

des Fabricationsgewinnes, welche selbst grosse Fabriken zwang, ihre Waaren direct an die kleinste Hand zu verkaufen, sowie andererseits die geringe Capitalskraft der Zwischenhändler selbst, hatten dem Zwischenhandel allmählich den Boden für seine Existenz entzögen. Die Industrie muss den Niedergang des Zwischenhandels lebhaft beklagen, denn der Industrielle gehört in die Fabrik und hat da gerade genug zu thun, um den technischen Fortschritten der Zeit nach-

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