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Die Groß-Industrie Oesterreichs : Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Österreichs 1898 ; Vierter Band
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S. S. NEUMANN

MECH. W0 L LWAAREN-WEBEREI

REICHENBERG.

ie mechanische Wollwaaren-Weberei der Firma S. S. Neumann in Reichenberg geht mit ihrem Ursprünge in das Jahr 1849 zurück. Der Gründer derselben war der Vater der jetzigen Chefs der Firma, Samuel Siegmund Neumann. Derselbe begann seine Thätigkeit als schlichter Weber in der Herzigschen Fabrik in Grünwald, wo derselbe mehrere Jahre im Lohn webte. Im Jahre 1849 gründete derselbe ein Gemischtwaaren-Geschäft in Grünwald und führte diesen kleinen Handel bis zum Jahre 1856. In diesem Jahre wurde das Geschäft, da der Gründer dasselbe für lebens- und entwickelungsfähig hielt, in das benachbarte Gablonz verlegt.

Das Grünwalder Geschäft war ein kleines Localgeschäft. Erst in Gablonz konnte sich daraus ein en gros-Geschäft entwickeln, welches sich dann in weiterer Folge zu einem Reisegeschäfte nach ganz Böhmen erweiterte. Für dieses Reisegeschäft war jedoch Gablonz, welches damals keine Bahnverbindung besass und zu der Erzeugung von Textilartikeln nur in sehr losen Beziehungen stand, nicht mehr der rechte Ort. Die hervorragende kaufmännische Begabung des damaligen Chefs liess ihn rechtzeitig erkennen, dass nur von dem Centrum der Textil-Industrie, von Reichenberg aus, sich das Geschäft fortentwickeln könne, welche Annahme sich auch im Laufe der weiteren Begeben­heiten als richtig erwies.

So wurde denn im Jahre 1868 das Manufacturgeschäft nach Reichenberg verlegt. Hier entwickelte sich ein Zwischenhandel, der wohl einer der bedeutendsten in Oesterreich genannt werden darf und durch seine Kaufkraft ein mächtiger Factor für die nordböhmische Textil-Industrie wurde. Anschliessend an den Zwischenhandel wurde in Grottau eine Handweberei errichtet, die weit über 500 Hand­weber beschäftigte. Der Hauptgegenstand der Fabrication waren Artikel im englischen Genre. Auf dem Wege des Veredlungsverkehrs wurde der Import dieser Artikel wirksam bekämpft.

Seit 1880 besteht der mechanische Betrieb in Reichenberg, der gegenwärtig über 300 Fabriksarbeiter beschäftigt und ausserdem mehreren hundert Personen durch Vor- und Hilfsarbeiten und, soweit dies der Charakter der Waare zulässt, auch durch Hausweberei Arbeit gibt.

Der mechanische Betrieb wurde ursprünglich in der ehemals Franz Hanuschschen Baumwollspinnerei auf­genommen. Im Jahre 1890 erwiesen sich diese Fabriksgebäude für den lebhaften Betrieb als unzureichend und sah sich die Firma S. S. Neumann in Folge dessen bemüssigt, an den Aufbau zweier vierstöckiger Fabriksblocks zu schreiten, die mit der ursprünglichen alten Fabrik durch Wellblechgänge direct in Verbindung stehen.

Die folgenden zwei Textbilder stellen einen der fünf Arbeitssäle und den Lagerraum dar. Der Lagerraum ist seiner Anlage nach wohl einer der grössten und einheitlichsten, die es in Oesterreich gibt. Derselbe ist 70 Meter lang und besteht aus einer Flucht von 6 Sälen in je 6 Unterabtheilungen Commissionsräumen, die offen mit­einander in Verbindung stehen. Jede Unterabtheilung hat einen Fassungsraum für 2000 Stück Waare. In diesen Waarenräumen wird die fertige und vollständig versandtbereite Waare aufgespeichert und nach Qualitäten rangirt, so dass jeder Saal seine speciellen Qualitäten_aufnimmt.

Die von den zahlreichen Vertretern der Firma zur Effectuirung überschriebene Waare wird aus den Waaren- sälen in die Commissionsräume übertragen, dort angesammelt und nach Zusammenstellung der Ordres versandt.

Die Neuanlagen der Firma S. S. Neumann weisen alle Errungenschaften der modernen Technik auf und sind sowohl in technischer Richtung, als auch in Hinsicht auf die Luft- und Lichtverhältnisse als musterhaft zu bezeichnen.

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