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Der erwähnte Johann Liebieg, ebenfalls ein gebürtiger Braunauer, hatte schon zu Ausgang der Zwanzigerjahre ein bald ungemein prosperirendes Fabriksunternehmen in der Stadt Reichenberg gegründet. Bei ihm trat Schmitt als praktischer Färber ein, um später in gleicher Eigenschaft in das mittlerweile entstandene Fabriksgeschäft der Firma Blaschka & Co. in Liebenaii überzutreten. Hier erlangte er trotz seiner bescheidenen Lebensstellung Zutritt in das Haus des Chefs der angesehenen Glasexportfirma F. Unger & Co., und durch seine eheliche Verbindung mit dessen Tochter Hedwig hatte er die Mittel in die Hand bekommen, sich etabliren und ein bescheidenes-Anwesen käuflich erwerben zu können. Mit dem ihm eigenen Scharfblicke erkannte Schmitt, dass der damalige Zeitpunkt besonders günstig war, sich selbstständigzu machen, und daher nichts versäumt werden durfte. Er begab sich auf die Suche in die Umgebung nach einer für den Anfang geeigneten Realität und fand eine solche in dem benachbarten, damals von jedem Verkehre abgeschnittenen und selbst noch einer ordentlichen Zufahrtsstrasse entbehrenden Städtchen Böhmisch-Aicha. Es war die bereits erwähnte ehemals Sluka’sche Kattundruckerei und Bleiche und ein zweites, etwa 500 Schritte weiter oberhalb gelegenes, früher land- wirthschatftlichen Zwecken dienendes Amvesen, welches den Grundstock zu der »oberen Fabrik« bilden sollte.
Begonnen wurde mit der Appretur und Färberei halbwollener Gewebe, später wurde in eigenen Neubauten — obere Fabrik — Schaf- wolldruckerei eingerichtet.
Schmitt hatte Glück mit seinem jungen Unternehmen und seine Erzeugnisse erfreuten sich bald grosser Beliebtheit. Er war aber auch von seltener Rührigkeit und Energie und verstand es, sich alle auf dem Gebiete der einschlägigen Industrie auftauchenden Neuerungen und Verbesserungen nutzbar zu machen. Schmitt’s »Orleans« und »gedruckte Thibettücher« waren bald in der gesammten Monarchie bekannt und gesucht.
Der Artikel »Orleans«, ein Gewebe aus baumwollener Kette und schafwollenem Einschlag, sogenanntes Worstedgarn, spielte damals auf dem Manufacturmarkte eine ungemein wichtige Rolle. Derselbe gieng von England aus, das damit die ganze Welt versah und sich daran nicht wenig bereicherte. Was war natürlicher, als dass, wie anderwärts, auch hier zu Lande unternehmende Männer, wie Schmitt, auftraten, um diesen Industriezweig bei uns einzubürgern und dem übermächtigen England den heimischen Markt, wenigstens in den minderfeinen Sorten, zu entreissen, was ihnen auch, unterstützt durch ausreichenden Zollschutz, mit bestem Erfolge gelang. In der unteren Fabrik — der noch heute sogenannten »Bleiche« — wurde ausschliesslich die Fabrication dieser Halbwollwaaren betrieben, beziehungsweise dahin verlegt, während die »obere Fabrik« ausschliesslich für die Zwecke der Druckerei bestimmt wurde, eines eigenartigen, von der erwähnten Halbwollwaaren-Fabrication gänzlich unabhängigen Industriezweiges, der Hunderten von besseren Arbeitskräften, Formstechern, Druckern u. s. w., ununterbrochen lohnende Beschäftigung brachte und eine nordböhmische Specialität ist. Der wichtigste unter den in der Druckerei hergestellten Artikeln waren die »gedruckten Thibettücher«, welche Jahrzehnte hindurch von der bäuerlichen Bevölkerung der Monarchie und auch mancher Auslandsstaaten mit Vorliebe gekauft wurden. Lange Jahre war das »Drucken« ausschliesslich Handarbeit, später trat auch sogenannter Maschinendruck hinzu. Das waren wohl keine eigentlichen Maschinen im wahren Sinne des Wortes, sie entbehrten vor Allem des mechanischen Antriebes; sie wurden theils in der eigenen Fabrikswerkstatt gebaut, theils von auswärts bezogen. Vielfach war man damals auch in anderen
Druckfabriken bestrebt, eine wirklich selbstthätige Druckmaschine mit mechanischem Antrieb herzustellen, ein Problem, welches einzig und allein in der Böhmisch- Aichaer Fabrikswerkstätte gelöst wurde. Unter Anderem wurde daselbst eine vollkommen selbstthätige Maschine hergestellt, ■welche 8 Farben zugleich druckte und leicht sogar auf 12, ja 16 Farben eingerichtet -werden konnte. Diese Maschine ist heute noch, nach 35jähriger Thätigkeit, im Betriebe, kann aber nur dann benützt werden, wenn sehr viele Tücher von ein und demselben Dessin bestellt werden, was leider nicht oft der Fall ist.
Beide Industriezweige, die Fabrication halbwollener Waaren sowohl als die Schafwolldruckerei, nahmen noch in den Vierzigerjahren einen ungeahnten Aufschwung; verschiedene Neubauten und Neueinrichtungen waren erforderlich, um dem bedeutend gewachsenen Betriebe zu genügen, und um die Mitte dieses Jahrhunderts nahm die Firma Schmitt bereits einen Achtung gebietenden Rang ein und war weit und breit bestens bekannt.
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Die grosse Dampfmaschine in Isenhal.
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Die Gross-Industrie. IV.
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