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Eine Orientreise / von Fr. Graf Th.-H. Mit 6 Tafeln in Farbendruck und 86 Textabbildungen von Ludwig Hans Fischer und Gust. Schmoranz
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unserem Zelte und schwelgten im Anblicke des Lagers. Grosse Laternen bezeichneten die verschiedenen Lagerplätze; die Kochfeuer brannten. Heiteres Lachen der Reisenden ver- rieth, dass Alles guter Laune war. Die Pferde waren ge­tränkt, ein jedes hatte seinen Futtermeister umgebunden von der Ferne Hundegebell.

In der Nacht erhob sich ein orkanartiger Sturm, der auch am 6. März bei unserem Weiterritt anhielt. Die Con- versation musste unterbleiben, man hörte seinen Nachbar nicht. Jeder war vollauf mit dem Halten seines Hutes be­schäftigt. Man hängt seinen Gedanken nach: die meinigen waren äusserst heiter. Mich kränkt kein Wetter auf Reisen, mir ist keine Mühe zu gross, mir ist Kost und Unterkunft überall gut: in einem Worte, ich geniesse das Reisen aus ganzem Herzen! Um wie viel mehr in ganz fremden Ländern, wo Alles fremdartig einwirkt. Nach einstündigem Ritte durch bebautes Land kamen wir in die Berge Juda. Einige Orte, worunter Latrun der grösste, auf den Höhen. Im engen Thale Bab el-Wadi führt die gute Strasse in den Bergen hinauf. Anfänglich ist noch eine kümmerliche Vegetation; Oliven­bäume, Strauchwerk, wohl auch hie und da noch ein dem Felsengrunde abgerungenes Feld. Dann wird es beinahe kahl. Das Kalksteingebirge bildet scharfe Terrassenabsätze. Cyklamen und eine dunkelroth blühende Tulpenart schmiegen sich an den Felsen. Wir erreichen die Höhe, um wieder in das Thal hinabzusteigen. Es ist das Thal, in welches die Sage Davids Kampf mit Goliath verlegt. Ein Gewitter war herauf­gezogen und in dicken warmen Tropfen strömte es auf uns herab. Wir hatten noch einen Berg zu überwinden. Auf steilen Serpentinen trugen uns die Pferde auf der alten .Strasse hinauf. Beseelt von dem Wunsche, Jerusalem zu erreichen, trieben wir unsere braven Thiere an. Dichter Nebel war über