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und Land, gleich belebt, stets Neues bietend, das Auge entzücken.
Der gehetzte Tourist muss es offen gestehen, dass dies seine Kräfte übersteigt, dass er sich darauf beschränken muss, in flüchtigen Linien das Bild anzudeuten, welches mit den feurigen Farben des Orients, mit den warmen Tönen des Südens ausgeführt werden sollte.
Lieber Freund, der Du diese Zeilen liesest, der Du mich schon so weit mit Geduld begleitet hast, beurtheile sie nachsichtig. Genügen sie Dir nicht, so verlästere mich nicht, komm selbst ans goldene Horn, geniesse das Schöne, das Du siehst, und versuche es, wenn Du Abends müde in Deiner Stube sitzest, wenn Lärm und Bewegung auf den Strassen erloschen sind, am Tagebuche zu schreiben. Gar bald wird sich der Schlaf auf Deine Lider senken, und im Traume werden phantastische Bilder an Dir vorüberziehen.
Da siehst Du zuerst die griechischen Colonisten, einem delphischen Orakelspruche folgend, 658 v. Chr. die ersten Ansiedlungen gründen, welche nach Byzas, ihrem Anführer, Byzantion genannt wurden; dann erscheint Darius, der König der Perser, mit seinen zahllosen Fleeren jeden Widerstand niederwerfend, als Herr und Eroberer der Stadt (49g v. Chr.); doch wieder sind es griechische Helden, welche die asiatischen I Iorden aus Byzanz verdrängten. Nun siehst Du auch hier den Kampf um Griechenlands Oberhoheit; Sparta und Athen streiten um den Besitz; Du erinnerst Dich an Pausanias, Alcibiades, Lysander. Doch Griechenlands Macht wird gebrochen; Roma beherrscht die Welt, nimmt Besitz von Byzanz. Da blüht die Stadt wieder auf als Nebenbuhlerin Roms. In vierzigtägigen Festen wird die Gründung „Neu- Roms“, der Stadt Constantins, gefeiert: das alte Rom soll übertroffen werden; Paläste, Bäder, Säulenhallen, Statuen